Kolumne

Das ständige Gejammer über das diskriminierte «starke Geschlecht» nervt

Zu wenig Naturwissenschaft, zu viel Sprachen? - Zu Beginn des Langzeitgymnasiums stimmt das vielleicht. aber es kann zugunsten der männlichen Jugendlichen korrigiert werden.

Zu wenig Naturwissenschaft, zu viel Sprachen? - Zu Beginn des Langzeitgymnasiums stimmt das vielleicht. aber es kann zugunsten der männlichen Jugendlichen korrigiert werden.

Wenn man ständig davon redet, dass männliche Jugendliche ab der Oberstufe «diskriminiert» würden, verleitet man sie damit nur dazu, das zu verinnerlichen. Schlechte Noten werden dann achselzuckend damit erklärt, man sei halt «schulisch benachteiligt».

Esther Girsberger ist selbstständige Publizistin mit diversen Mandaten. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media. Und Mutter von zwei Söhnen.

Esther Girsberger ist selbstständige Publizistin mit diversen Mandaten. Sie ist Mitglied des Publizistischen Ausschusses der CH Media. Und Mutter von zwei Söhnen.

Zwischen Sommer- und Herbstferien greifen die Medien gerne Schulthemen auf. Schliesslich beginnen die Schulen nach den Sommerferien. In den letzten Monaten hat vor allem ein Thema dominiert: das der benachteiligten Buben in den Primarschulen und der diskriminierten männlichen Jugendlichen in der Oberstufe. Der Lehrplan 21 setze auf Fleiss, Einsatzfähigkeit, Zuverlässigkeit, Lernbereitschaft und Teamfähigkeit – alles Eigenschaften, die den Mädchen zugutekämen. In der Oberstufe würden die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer zu wenig beachtet und gewichtet, was ebenfalls zulasten der männlichen Jugend ausfalle. Die Defizite werden teilweise als so gravierend angesehen, dass vor Kurzem ein Vater einen biologischen Nachteilsausgleich für Knaben in der schulischen Ausbildung forderte und mit diesem kuriosen Begehren auf grosse Beachtung stiess.

Sicher, Buben werden in der Primarschule mehrheitlich durch weibliche Lehrpersonen unterrichtet, und es wäre wünschenswert, der Beruf würde lohn- und prestigemässig aufgewertet, sodass die nötige Durchmischung erreicht wird, die sich im Übrigen auch in anderen Berufen bewährt. Und es mag durchaus sein, dass mit dem Lehrplan 21 eine gewisse Verlagerung stattgefunden hat, die auf den ersten Blick zuungunsten der Knaben ausfällt. Ebenso richtig ist, dass in den Langzeitgymnasien die Sprachen stark gewichtet werden, zumindest in den ersten beiden Jahren. Was bei der Profilwahl im dritten Jahr durchaus korrigiert werden kann.

Alle diese vermeintlichen Benachteiligungen werden jedoch masslos überbewertet und führen zu ungesunden Entwicklungen. Lehrpersonen überreden überforderte Eltern, ihre «verhaltensauffälligen» Söhne schulpsychologisch abklären zu lassen mit der nicht seltenen Konsequenz, dass ihnen ohne Not Ritalin verschrieben wird. Der bekannte Kinderarzt und Sachbuchautor Remo Largo, den wohl alle Eltern nur schon von seinem nach wie vor lesenswerten Buch «Babyjahre» kennen, hat schon vor Jahrzehnten moniert, dass die immer geringere Toleranz gegenüber einer Normabweichung zu hanebüchenen Resultaten führe. Die ständige Thematisierung der diskriminierten männlichen Jugendlichen in der Oberstufe schliesslich verleitet die Jungs, solches Gerede zu verinnerlichen und bei schlechten Noten achselzuckend zu sagen, sie seien halt schulisch benachteiligt.

Viele der vermeintlichen Nachteile lassen sich ausserschulisch ausgleichen: Jungs können zum Beispiel im Sport nicht nur ihren Bewegungsdrang ausleben, sie lernen dort auch Fleiss, Einsatzfähigkeit, Zuverlässigkeit und Teamfähigkeit. Was von den Eltern allerdings verlangt, dass sie sich nicht auf die schulischen Defizite stürzen. Und die oft beklagte Sprachlastigkeit – wird sie nicht durch die Profilwahl korrigiert – kann auch nicht so schlimm sein, wenn man sich im späteren Berufsleben umsieht: Die Jugendarbeitslosigkeit bewegt sich in der Schweiz im internationalen Vergleich nach wie vor auf sehr tiefem Niveau. Zwar ist die Arbeitslosenquote bei den Männern mit 2,9 Prozent höher als bei den Frauen (2,4 Prozent). Was aber nicht in erster Linie mit mangelnder Zuverlässigkeit oder mangelndem Fleiss zu tun hat, sondern viel eher damit, dass der männlich dominierte Industriesektor unter Druck gerät.

Als rohstoffarmes Land mit der Bildung als wichtigster Ressource ist es wichtig und richtig, dass wir uns ständig darüber Gedanken machen. Aber bitte mit der richtigen Gewichtung. Statt dass wir uns auf die vermeintlich diskriminierten Buben konzentrieren, dürfen wir uns daran erinnern, wie erfolgreich unsere Schulen sind: Unzählige Länder versuchen, unser duales Bildungssystem zu übernehmen, die ETH Zürich figuriert im Ranking der besten Hochschulen weltweit als einzige staatliche Schule unter den ersten zehn.

Mir scheint, dass sich in der Schweiz ausgebildete Männer grundsätzlich gut im Berufsleben behaupten – auch die jüngeren.

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