Geld ausgeben ist schöner als sparen. Die Erfahrung, die jedes Kind macht, wenn es zum ersten Mal eine Münze erhält, machen auch die allermeisten Chefs grosser Firmen. Doch längst nicht jedem ist das Vergnügen vergönnt, mit dem dicken Scheckbuch durch die Welt zu tingeln. Ulrich Spiesshofer, der am Mittwoch seinen Hut als ABB-Chef an den Nagel hängen musste, gehörte zu den weniger glücklichen Vertretern seines Fachs. Rückblickend scheint es, als habe sich der 55-Jährige zur falschen Zeit auf den falschen Stuhl gesetzt.

Spiesshofer trat ein schwieriges Erbe an. Im September 2013 war er in die Fussstapfen des Amerikaners Joe Hogan getreten, der 2008 ein gut rentierendes Unternehmen und vor allem eine prall gefüllte Kasse übernehmen konnte. Hogan wusste seinen Verwaltungsrat mit ehrgeizigen Wachstumsplänen zu überzeugen. Gleichzeitig eroberte der Manager auch schnell das Herz seines preussisch geprägten Präsidenten Hubertus von Grünberg.

Sofort zog Hogan mit dem Scheckbuch los und kaufte ein, was das Zeug hielt. Nach weniger als vier Jahren hatte er bereits zehn Milliarden Dollar für Übernahmen ausgegeben. Manche Analysten kritisierten, Hogan habe jeden Preis bezahlt. Doch die Einkaufstour war auch ein Zeichen der Stärke und gut für das ramponierte Selbstvertrauen des stolzen Elektrokonzerns. ABB war endgültig genesen. Zehn Jahre nach der existenziellen Krise zeigte sich der Konzern wieder hungrig und aggressiv.

Aufräumen statt übernehmen

Doch der Börse gefiel das weniger. Während sich viele Firmen rasch von der Finanzkrise erholten, gaben die ABB-Aktien in Hogans Amtszeit 35 Prozent nach. Im Frühling 2013 machte Hogan plötzlich Schluss. Aus familiären Gründen kehre er in die USA zurück, lautete seine lapidare Begründung. Im Rennen um die Nachfolge schwang Spiesshofer obenaus. Nach seiner fast zehn jährigen Laufbahn im Konzern galt der frühere Unternehmensberater als sicherer Wert für eine Konsolidierung. Und der Schwabe machte, was man von ihm erwartete: Effizienz pauken und Kosten schleifen. «Relentless execution» nannte er sein Programm, zu Deutsch unerbittliche Umsetzung.

Doch auch Spiesshofer holte sich an der Börse keine Lorbeeren. In seiner Zeit stagnierte der Aktienkurs, während der Gesamtmarkt um über 20 Prozent zulegte. In immer schärferen Tönen monierten die Investoren den schwachen Geschäftsgang. Für den Deutschen war diese Kritik besonders bitter: Denn eigentlich hätte er lieber seinem Vorgänger nachgeeifert, statt nach dem grossen Einkaufsrausch den Aufräumer zu spielen. Immerhin hatte sich Spiesshofer ein jährliches Umsatzwachstum von drei bis sechs Prozent vorgenommen. Doch in den ersten drei Jahren ging es bezüglich neuer Aufträge nur rückwärts. Erst 2017 konnte ABB erstmals wieder positive Vorzeichen bei den Bestellungen vorweisen. Eine Portion Pech kam dazu: Der Bau eines Windkraftwerkes in der Nordsee verspätete sich und kostete Dutzende von Millionen Dollar. Spiesshofer liess sich seine Verzweiflung nie anmerken. Lieber versprach er eine noch unerbittlichere Umsetzung und noch mehr Sparanstrengungen.

Das Herz von ABB verkauft

Die harte Realität des Alltages wollte nie so richtig zu seinen hochtrabenden Worten passen. Seine «Next-Level-Strategie» diente Spiesshofer als Grundmotiv: Ständig schwärmte er von Wachstum und Fortschritt. Die Investoren liessen sich davon jedoch nur wenig beeindrucken. Bald trat der aktivistische Grossaktionär Cevian auf den Plan und forderte die Abspaltung des Stromübertragungsgeschäfts. Dabei sehnte sich Spiesshofer schon so lange danach, endlich vorwärts zu kommen.

Und nun sollte er seiner ABB auch noch das Herzstück herausoperieren? Der Konzernchef begann sich zu wehren. Er wusste, dass ein solcher Einschnitt in der traditionsbewussten und loyalen Belegschaft des Konzerns schlecht ankommen würde. Der Streit mit Cevian wurde zum Krampf für Spiesshofer. Um mehr Handlungsspielraum zu gewinnen, hätte er unbedingt bessere Resultate gebraucht. Aber diese wollten sich einfach nicht einstellen. In der Folge brach auch die Unterstützung der grössten Aktionärin weg, die schwedische Familie Wallenberg. Sie hatte den 55-Jährigen lange gestützt.

Zur unerwünschten Person

Unerbittlich setzte Spiesshofer auch seinen letzten Auftrag um: Er verkaufte die Stromübertragung an die japanische Hitachi. Damit machte er sich bei vielen ABB-Veteranen zur unerwünschten Person. Auch deshalb braucht es jetzt einen neuen Kopf, der den Aufbau einer neuen ABB ohne Erblast vorantreiben kann. Das ist bitter für Spiesshofer. Am Dienstag versuchte Verwaltungsratspräsident Peter Voser seinen abtretenden Chef zu schützen, so gut es ging. Auf die Frage eines Journalisten zur Leistung Spiesshofers sagte er betont versöhnlich: «Natürlich sind wir nicht da, wo wir sein möchten».

Die Wallenbergs wurden da schon etwas deutlicher: «Wir unterstützen die Entscheidung des Verwaltungsrates, dass jetzt die richtige Zeit für eine neue Person an der Spitze von ABB gekommen. Es geht darum die Umsetzung der Strategie zu beschleunigen und die finanziellen Schlüsselziele zu erreichen». Spiesshofer will sich nun eine Auszeit gönnen, um über sein künftiges Berufslebens nachzudenken. Dafür sollten sich Manager auch Zeit nehmen, wenn sie das Steuer noch in Händen halten. Damit hätte Spiesshofer sich selber und auch seiner ABB einen Gefallen getan.