Zuerst kam die SP. Ihre Delegierten wählten am 24. Februar Mediensprecher Michael Sorg und die Erstfelder Gemeinderätin Rebekka Wyler zu neuen Co-Generalsekretären. Dann kommunizierte die SVP, dass Generalsekretär Gabriel Lüchinger persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Guy Parmelin wird. Wer auf ihn folgt, ist noch nicht öffentlich. Und am Donnerstag gab die CVP bekannt, dass Generalsekretärin Béatrice Wertli aus persönlichen Gründen aufhört. Sie gehe erst im September, betont Wertli, und gleise für die CVP noch wichtige Projekte auf wie Wahlstrategie oder Gesundheits-Initiative. Drei von vier Bundesratsparteien besetzen damit eineinhalb Jahre vor den Wahlen 2019 den Schlüsselposten des Generalsekretärs neu. Einzig die FDP steigt mit Generalsekretär Samuel Lanz in die Wahlen, der seit 2014 im Amt ist.

Gleichzeitig verstärken alle Parteien Mobilisierung und Digitalisierung. SP und FDP scheinen besonders gut für die Wahlen 2019 gerüstet, was das Kampagnen-Handwerk betrifft. Die SP ist heute die am besten organisierte Mobilisierungspartei der Schweiz. Ihre Mobilisierungsdatenbank umfasst sicherlich über 100 000 Mitglieder, Sympathisanten und Spender, die im Bedarfsfall aktiviert werden können. Gleichzeitig hat die SP analoge, aber digital vernetzte Mobilisierungs-Strategien von Mensch zu Mensch aufgebaut. 2015 riefen 5000 Helfer über 100 000 potenzielle Wähler per Telefon an. Und für die Zürcher Wahlen vom 4. März testete die SP der Stadt Zürich den Tür-zu-Tür-Wahlkampf mit Tausenden von Hausbesuchen. Die SP Schweiz will das Pilotprojekt übernehmen. Die FDP ihrerseits hat ihre Mobilisierungsfähigkeit bei der Nein-Kampagne zur AHV-Reform demonstriert. Gleichzeitig erstellt sie über das US-Tool NationBuilder eine Datenbank, in der Nutzerdaten aus sozialen Medien mit Daten aus Mailinglisten der Partei abgeglichen und einheitliche Profile potenzieller Wähler erstellt werden. Die Freisinnigen, die zur Bewegung werden wollen, fördern aber auch Projekte wie «FDP Urban».

SVP wie CVP weisen hier einen Rückstand auf. Die CVP verfügt zwar über eine zentrale Datenbank mit gegen 100 000 Mitgliedern und Sympathisanten. Für den digitalen Wahlkampf evaluiert sie aber erst gerade. Die SVP selbst will Schwächen in den Bereichen Mobilisierung und Digitalisierung angehen. Sie plant, verschiedene Tools in der Partei zu einer grossen zentralen Datenbank zu vereinen. Und SVP-Nationalrat Thomas Matter betont, er werde sich starkmachen, dass die Partei vermehrt online und auf Facebook werbe.

Interessant ist, dass die Kampagnen-Fähigkeit der Parteien korreliert mit den Erfolgen bei den kantonalen Wahlen. Es öffnet sich dabei ein Stadt-Land-Graben. Seit den Wahlen 2015 legten in den Kantonen in der Tendenz die urbanen Parteien zu: FDP (+ 21 Sitze), Grüne (+13 Sitze), SP (+12 Sitze) und GLP (+ 2 Sitze). Zu den Verlierern gehören jene Parteien, die vor allem im ländlichen Raum stark sind: SVP (–7 Sitze), BDP (–9 Sitze) und CVP (–26 Sitze). Auswertungen des Instituts für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung in Ulm (D) zeigen für die Berner Grossratswahlen vom 25. März: Die Parteien kämpfen mit der Politverdrossenheit der ländlichen Bevölkerung. Besonders stark betroffen waren in Bern SVP und BDP. Von den 117 000 Wählern, welche die SVP bei den Nationalratswahlen 2015 (Wahlbeteiligung 49,1 Prozent) im Kanton Bern hatte, verlor sie bei den Grossratswahlen vom 25. März 58 000. Das hängt in erster Linie mit der tiefen Stimmbeteiligung von 30,5 Prozent zusammen. 42 Prozent der 117 000 Wähler verlor die SVP, weil sie nicht an die Urne gingen. Der Rest wählte andere Parteien. Bei der BDP liegt der Anteil jener, die nicht zur Urne gingen, bei 45 Prozent.

Die Erklärung dieser ländlichen Demobilisierung dürfte in der urbanen Mobilisierung nach dem Rechtsrutsch bei den Wahlen 2015 zu suchen sein. 2016 zeigte sich bei der Durchsetzungsinitiative das neue Phänomen der Gegenmobilisierung der Zivilgesellschaft im urbanen Raum. Mit dem Brexit und der Wahl von US-Präsident Donald Trump weitete sich diese Gegenmobilisierung zu einem internationalen Phänomen aus gegen den nationalkonservativen Populismus. Eine Folge davon war die Wahl von Emmanuel Macron zu Frankreichs Präsident. In der Schweiz setzt sich die Gegenmobilisierung der Zivilgesellschaft bei der Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative und bei der Selbstbestimmungs-Initiative fort.

Die ländliche Antwort auf die selbstbewussten urbanen Auftritte scheinen Resignation und Demobilisierung zu sein. Oder trotziger Rückzug ins Reduit, wie es das Beispiel der Bauern nahelegt. Sie verweigerten die Teilnahme an einer Aussprache, zu der Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann geladen hatte im Rahmen der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay (Mercosur). Das sind Indizien dafür, wie stark der ländliche und der urbane Raum zurzeit auseinanderdriften. Zeichen, die selbst den Bundesrat beunruhigen müssten.

othmar.vonmatt@schweizamwochenende.ch