Analyse

Das Maul voll mit Sägemehl

Adrian Laimbacher (links) mit Bruno Gisler im Sägemehl.

Adrian Laimbacher (links) mit Bruno Gisler im Sägemehl.

Ist das Schwingen «zu gross» geworden? Christoph Bopp analysiert, ob die «Massentauglichkeit» des Schwingens dem Sport schadet und zieht dabei den Vergleich zum Sumo-Ringen.

Masse – ein zweischneidiger Begriff. Einerseits Grösse, man soll wachsen wollen; andererseits zu viel, Anonymität, Verflachung. Das Schwingen ist in den letzten Jahren gross geworden, das Drumherum auch, nicht nur das «Eidgenössische». Es wird wohl dieses Jahr einen Rekord geben: Grösser und mehr – was man auch immer mit Zahlen messen kann. Schwingen ist «massentauglich» geworden – ohne Zweifel.

Ist es eine Frage der Wertung, ob man das gut findet oder eher nicht? Die Feststellung, dass man den Trend – einmal in Gang gekommen – wahrscheinlich nicht bremsen kann, deutet
darauf hin. Grösse ist gut, muss gut sein, weil es gar nichts anderes gibt. Das ist so. Darüber zu lamentieren, dass sich Image und Realität voneinander entfernt hätten, ist deshalb müssig. Seit 1998 ist Werbung offiziell erlaubt.

Es gab zwar ziemlich Krach und Zerwürfnis deswegen, aber mittlerweile ist es akzeptierte Realität, dass man beim und mit dem Schwingen auch Geld verdienen kann. Schwingerobmann Marti Ernst hat sich einst dagegen gewehrt, energisch zwar, aber es wurde schnell klar: geht nicht. Aber erfreulicherweise hat man im Eidgenössischen Schwingerverband kühlen Kopf bewahrt. Die grosse Arena ist werbefrei und soll so bleiben.

«Authentisch» ist heute eigentlich nur noch, wer es gar nicht sein will

Das führt direkt zurück zum Thema Schein und Sein. Die von Logos und ähnlichem Firlefanz verschonte Arena, verbirgt sie etwas anderes, ist sie sogar eine Art «Märlischloss» in einem dunklen Wald? Das Fremdwort heisst natürlich «Authentizität». Aber heute ist ja eigentlich nur der «authentisch», der es gar nicht sein will. Die Widersprüche, die sich da auftun, sind gigantisch. Ich gebe persönlich auch gern zu, dass mir das Image viel besser gefällt als die Realität.

Das kann man nur «historisch» erklären. Und rechtfertigen eigentlich nur, dass man diesen Sport (oder «das Spiel», wie man damals sagte, obwohl die Schwinger am Fest «an der Arbeit» sind) schon gut gefunden hat, als er noch mit dem Ruch des Gestrigen und Hinterwäldlerischen kämpfte. Als das Schwingen in den Sportredaktionen noch unter «Randsportart» und nicht tagelang am Fernsehen lief, obwohl auch damals nicht zu knapp berichtet wurde.

«Geld und Geist» – das Begriffspaar liegt derart auf der Hand, dass man es meiden muss. Wie wäre es mit Tradition und Popularität? «Tradition» heisst «bewahren». Darin eingeschlossen ist immer ein bisschen Exklusivität. Tradition markiert eine Grenze: Zwischen dem, was war, und dem, was es nicht mehr ist. Oder anders gesagt: «Massentauglich» würde eben auch bedeuten, dass an den Schwingfesten Leute sind, die eigentlich nicht dazugehören. Oder nochmals anders: Wenn alle einer Tradition nachlaufen, dann ist mit ihr etwas schiefgelaufen.

Die nationale Traditionssportart wird zum Sport: das Sumo-Ringen

Ziehen wir einen gewagten Vergleich (nicht vom Sport her, sondern von der traditionellen Bedeutung) mit dem Sumo-Ringen in Japan. Sumo ist womöglich noch älter, der Kampf noch ritualisierter (im Sumo-Ringen geht es darum, den Gegner aus dem Gleichgewicht oder aus dem Ring zu bringen; wer den Boden mit einem anderen Körperteil berührt als mit den Fusssohlen, hat verloren). Auch Sumo wurde kommerzialisiert, allerdings weit vor PR und Marketing.

Die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs bot sich, wenn man es in eine «Schule» schaffte. Dort wurde man «Profi» und konnte sich sozial verbessern. Das funktionierte natürlich in einer klassenbewussten und isolierten Gesellschaft besser. Als sich den jungen Japanern andere und bessere Aufstiegs- und Verbesserungschancen boten, öffnete man gleichzeitig das Sumo-Ringen den Nicht-Japanern. Die Stars kamen aus Hawaii und der Mongolei, erst kürzlich gelang wieder einem Japaner ein Sieg an einem Prestigeturnier.

Was ist daran falsch? Eigentlich nichts. Wie sicher auch nichts daran falsch ist, dass Schwingfeste gewalt- und aggressionsfrei sind, sich Schwinger respektvoll begegnen, sich die Hand geben und im Alltag gern den Chrampfer geben. Beim Sumo kam es zu unschönen Dingen: Doping, abgekartete Kämpfe, Wettskandale. Schwer zu sagen, wie weit das mit der «Öffnung» zusammenhängt.

Das Schwingen ist nicht «heile Welt», auch wenn viele Neu-Verehrer das gerne so hätten. Zu wünschen wäre: Dass das Image sich so stark erhält, dass sich die Realität beugen muss. Ein verrückter Wunsch, ich weiss. Man muss nur glauben.

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