Die ersten Fussballregeln entstanden in englischen Eliteschulen fast gleichzeitig mit den ersten Rugbyregeln. Dass Rugby und Fussball heute zwei verschiedene Sportarten sind, hatte mit zwei Streitpunkten zu tun. Die ersten Kicker fanden keine Einigung bei der Frage, ob die Spieler den Ball mit der Hand berühren dürfen. Ausserdem konnten sie sich nicht darüber einigen, ob es erlaubt sein sollte, einen Gegenspieler dadurch zu stoppen, dass man ihm ein Bein stellt.

Diejenigen, die später Fussballer wurden, liebten offenbar den schwierigeren Weg. Schliesslich ist es unzweifelhaft schwieriger, den Ball nur mit den Füssen zu spielen, als mit den Händen. Und bestimmt ist es weniger anstrengend, einem Gegenspieler das Bein zu stellen, als ihm hinterherzulaufen.

In den eineinhalb Jahrhunderten, die seit diesen Grundsatzentscheiden vergangen sind, wurden die Fussballregeln nur sanft verändert. Fussballfans sind nostalgisch. Sie mögen keine Veränderungen. Eine der zahlreichen Neuerungen für die beginnende Saison besagt, dass die Mannschaft, die einen Freistoss ausführt, keine eigenen Leute in die Mauer stellen darf. Das dürften zumindest all jene Fussballfans bedauern, die am 26. Juni 1974 das WM-Finalrundenspiel zwischen Brasilien und der DDR mitverfolgt haben. Die Auswahl der DDR war damals ein zäher Brocken und der amtierende Weltmeister Brasilien schaffte es an jenem Abend in Hannover nicht, die Abwehr der Ostdeutschen aus dem Spiel heraus zu knacken.

 

Als Brasilien einen Freistoss aus gefährlicher Distanz zugesprochen erhielt, stellte sich der Brasilianer Valdomiro in die Abwehrmauer der DDR. «Warum helfen die Brasilianer dem Gegner eine Mauer zu bilden?», fragte sich das verdutzte Publikum. So etwas hatte die Fussballwelt bis dahin nie gesehen. Als der brasilianische Star Rivelino mit seinem Freistoss scharf in die Stelle der Mauer schoss, in der sein Mitspieler stand, legte sich dieser blitzschnell auf den Boden. Der Ball fand durch diese Lücke seinen Weg aufs Tor und DDR-Goalie Croy war so überrascht, dass er den Treffer nicht verhindern konnte. Allein wegen der Schönheit dieses einen Tores sollte es für alle Zeiten erlaubt sein, eigene Leute in die Mauer des Gegners zu stellen.