Das Weltgeschehen wurde oft mit einer Theatervorstellung verglichen. So lässt Shakespeare in «Wie es euch gefällt» den Satiriker Jacques ausrufen: «Die ganze Welt ist ein Theater.»

Und Schiller verweist in seinem Gedicht «An die Freunde» auf die «Bretter, die die Welt bedeuten», womit er nicht ein Sprungbrett in den Star-Ruhm meinte, sondern den Ort, an dem typisch menschliches Handeln im theatralischen Spiel aufgeführt wird.

Die Theaterbühne erscheint als Schauplatz emotional aufgeladener Ereignisse. Die Zuschauer werden mitgerissen in einem Strudel von Liebe, Hass, Eifersucht, Neid, Elend und Schmerz, hervorgerufen durch Zufälle, Intrigen und Schuld.

Was die Schauspieler verkörpern, sind individuelle Charaktere, deren gelingende oder scheiternde Versuche, sich aus schicksalhaften Verstrickungen zu befreien, die Zuschauer dazu anregen, ihre eigene Problemlösungskompetenz zu aktivieren und Strategien für erfolgversprechende Handlungen in vergleichbaren Situationen zu entwickeln.

Ein gutes Theaterstück soll nach Aristoteles die Zuschauer gleichsam reinigen, sie durch intensives Miterleben und Mitfühlen läutern. Nach Nietzsche muss man dazu am Ende gar nicht mehr ins Theater gehen. Es genüge vielmehr, sich ein drittes Auge anzutrainieren.

«Mache dein Theater-Auge auf, das grosse dritte Auge, welches durch die zwei anderen in die Welt schaut» – empfiehlt er in seiner Schrift «Morgenröte». Das «Theater-Auge» ist demnach kein eigenständiges Sehorgan.

Es durchschaut vielmehr das von den beiden natürlichen Augen Wahrgenommene und weitet damit den Blick über das Naheliegende hinaus auf das als solches unsichtbare Weltganze.

Obwohl von früh an durch oft Nerven strapazierende Einübung in soziale Rollenspiele diszipliniert, sind die meisten Menschen vom Theater fasziniert. Schon Kinder verkleiden sich gern, voller Neugier, wie sich ein Leben in einer anderen Haut anfühlen mag.

Ein solcher Perspektivenwechsel öffnet das «dritte» Auge und lässt die unermessliche Vielfalt nicht nur individueller Lebensentwürfe, sondern des Weltgeschehens insgesamt erahnen. Das Entzücken an der Fülle von Eindrücken, die wie die Bilder eines Kaleidoskops am «Theater-Auge» vorbei ziehen, weckt Lust am Theaterspielen.

Das reine Schauen geht über in ein Selber-Tun, eine kreative Selbstgestaltung des eigenen Ich in der spielerischen Aneignung verschiedener Rollen.

Exzellente Schauspielkunst wird nicht nur professionell in den Staatstheatern vorgeführt, sondern auch in vielen kleinen Laientheatern, wo das Urvergnügen am Rollenspiel zu Hause ist.

Ob ein Märchen verzaubert (wie im Rheinfelder Kindertheater «Unicum»), ob ein Schwank die Lachmuskeln reizt (wie «Alles ist erfunden» in Stein), oder ob eine Tragikomödie aufwühlt (wie «Gross» in Gipf-Oberfrick) – selbst die kleinste Bühne bietet Raum für grosses Welttheater und lässt die Zuschauer staunend über die Grenzen ihres Alltags hinausblicken.