Die Harmonie in der Aargauer Hauptstadt ist zurzeit getrübt. Seit bekannt ist, dass die «Kunsteisbahn Region Aarau», kurz Keba, für Hunderte Familien und Sportler wegen eines Pfusches in der Baubewilligung schon um 16.30 Uhr zumachen muss, ist der Teufel los. Mittlerweile hat sich die Geschichte zu einem Seldwyla-Stück entwickelt, in dem alle Parteien etwas gemeinsam haben: Sie geben die Ahnungslosen.

Der aktuelle Stadtrat: FDP-Mann Hanspeter Hilfiker ist zuständig für das Ressort Sport und damit für die Keba. Er ist aber erst 2013 in die Aarauer Stadtregierung gewählt worden, als das Schlamassel bereits seinen Lauf nahm. Hilfiker kann deshalb mit einer gewissen Gelassenheit auf die fatalen Fehler vor seiner Amtszeit hinweisen und als Unschuldiger auftreten, der nach Lösungen sucht.

Die Einsprecher: Dutzende Anwohner aus dem Brügglifeld-Quartier wehren sich mit Einsprachen gegen den Keba-Betrieb am Abend. Man habe sie nie ins Projekt einbezogen, klagen sie und geben sich jetzt überrascht über die Folgen ihres Aufbegehrens.

Der Einwohnerrat: Das Kontrollorgan von Regierung und Verwaltung bemerkte die tickende Zeitbombe des fehlerhaften Baugesuchs offenbar bis zum Schluss nie. Nichtsahnend waren sogar Einwohnerräte, die das Keba-Dossier noch am ehesten kennen sollten. Der Grüne Markus Hutmacher zum Beispiel war Präsident der Finanz- und Geschäftsprüfungskommission, als es 2014 darum ging, einen Zusatzkredit für die Keba zu bewilligen. Hutmacher gab im «TalkTäglich» am Dienstag unumwunden zu, betreffend Keba-Problemen «keine Ahnung» gehabt zu haben; er sei «aus allen Wolken gefallen», als die Nachricht über die Teilschliessung kam.

Der damals zuständige Stadtrat: Immer wieder fiel in den letzten Tagen der Name Carlo Mettauer. Der CVP-Politiker war von 2002 bis 2013 Stadtrat und für das Keba-Baugesuch verantwortlich. Zum ersten Mal nimmt er heute Stellung zum Keba-Debakel. Es sei für ihn heute schwierig zu sagen, ob, wann und wo ein Fehler passiert sei, konstatiert er. Er habe keinen Zugriff mehr auf die Akten.

Öffentlichkeit nie informiert

Wer ahnungslos ist, belastet sich nicht. Anwälte raten ihren Mandanten zuweilen, sich nicht erinnern zu können. Nun halten wir beim Keba-Debakel nicht Gericht. Aber ein kritischer Blick hinter den Vorhang der vermeintlichen Ahnungslosigkeit sei erlaubt. Halten wir uns den Zeitablauf nochmals vor Augen:

  • 2011: Das Volk stimmt dem 17-Millionen-Kredit für die Keba-Sanierung zu.
  • 2012: Der Kanton bemerkt den fatalen Fehler im Baugesuch. Statt der Betriebszeiten, in denen auch Vereinstrainings und Eisfeldpflege enthalten sind (bis 23.30 Uhr), beantragte die Stadt Aarau nur die Öffnungszeiten für den öffentlichen Eislauf.
  • 2014: Der Einwohnerrat genehmigt einen Zusatzkredit von 3,2 Millionen für die Sanierung der Keba. In einer erneuten Volksabstimmung bewilligen die Stimmbürger den Zusatzkredit. Vom fatalen Fehler in der Baubewilligung weiss die Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt nichts.
  • März 2016: Erst über drei Jahre nach der ersten Baugesuch reicht der Stadtrat ein zweites ein mit der Anpassung der Betriebszeit auf 23.30 Uhr. Es hagelt Einsprachen.
  • November 2016: Die Keba wird feierlich eingeweiht. Die Öffentlichkeit weiss immer noch nichts vom Damoklesschwert, das über der Eishalle schwebt und mit der Teilschliessung nun gefallen ist.

Warum waren die vermeintlich Ahnungslosen nicht früher informiert oder haben selber nicht besser informiert?

Hanspeter Hilfiker war bereits Stadtrat, als der Zusatzkredit für die Keba dem Einwohnerrat vorgelegt wurde und das Volk ein zweites Mal über die Keba abstimmen musste. Der Stadtrat hielt es aber nicht für opportun, Volk und Volksvertreter über das Keba-Problem zu unterrichten.

Das Drei-Affen-Prinzip

Auch die Einsprecher scheinen weniger unschuldig, als sie sich gebaren. Entgegen ihren Behauptungen, sie seien stets ignoriert worden und hätten keine andere Wahl gehabt, als mit Einsprachen den Keba-Betrieb zu stoppen, versichert Ex-Stadtrat Mettauer, man habe die Anwohner schon früh einbezogen und Zugeständnisse gemacht.

Zu hinterfragen ist auch die Unwissenheit im Einwohnerrat. Hat wirklich keiner der 50 gewählten Politiker in all den Jahren etwas mitbekommen? Immerhin segnet das Stadtparlament regelmässig Millionenkredite ab und hätte die Aufgabe, bei heiklen Projekten besonders genau hinzuschauen.

Weiterhin unklar ist schliesslich, wie das ominöse erste Baugesuch überhaupt durch alle Gremien gehen konnte. Carlo Mettauer lässt im az-Interview offen, ob damals überhaupt ein Fehler passiert sei. Auf die Nachfrage, ob zu kurz beantragte Öffnungszeiten zur Strategie gehörten, meint er nur: «Das kann ich heute nicht mehr sagen, aber aus den Protokollen müsste das ersichtlich sein.»

Dem aktuellen Stadtrat bleibt nur eins: Das Keba-Debakel schonungslos aufklären und so Vertrauen zurückgewinnen. Diese Woche haben sich die Keba-Streithähne zu einer Aussprache getroffen und signalisieren gegen aussen bereits wieder Aarauer Harmonie.

Sie dürfen jetzt nur nicht den Fehler wiederholen und nach dem Drei-Affen-Prinzip handeln: Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen.

«Ich habe den Eindruck, der Stadtrat hat alle hinters Licht geführt»

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In der Sendung «TalkTäglich» auf Tele M1 diskutierten die Einwohnerräte Markus Hutmacher und Simon Burger mit stv-az-Chefredaktor Rolf Cavalli das Keba-Debakel. Die wichtigsten Momente im Zusammenschnitt.

«Ich ha schochli müesse brüele»

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Zwei Aarauer Eiskunstläuferinnen über das Keba-Debakel.