Es geht himmelwärts. Dieses Jahr dürfte das Wirtschaftswachstum der Schweiz deutlich über die Marke von zwei Prozent klettern. So eindeutig gut ging es der Wirtschaft seit der Aufhebung des Euromindestkurses nicht mehr. Als die Nationalbank (SNB) am 15. Januar 2015 die Untergrenze aufhob und Negativzinsen einführte, löste sie ein Erdbeben aus, das weite Teile der Exportindustrie und den Tourismus erschütterte; Zehntausende Jobs wurden ausradiert. Jetzt, drei Jahre später ist der Scherbenhaufen weggeräumt. Die Schweizer Wirtschaft knüpft wieder dort an, wo sie vor der Aufhebung der Kursuntergrenze stand. Dieses Jahr wird das Wachstum so hoch ausfallen, dass die Wirtschaft wieder kräftig Arbeitsplätze schafft. Insgesamt rechnen Experten der Konjunkturstelle KOF mit 75 000 neuen Stellen. Über das Schweizer Jobwunder darf man sich freuen.

Doch die Freude ist nicht ungetrübt: Denn die neuen Jobs werden nicht dazu führen, dass die Arbeitslosigkeit in der Schweiz spürbar sinken wird. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) wird zwar sinkende Quoten vermelden, doch diese Zahlen berücksichtigen zum Beispiel die ausgesteuerten Stellensuchenden nicht. Rechnet man diese Gruppe dazu, wie dies etwa die internationale Arbeitsorganisation ILO in ihren Statistiken tut, kommt die Schweiz auf eine deutlich höhere Arbeitslosenquote – und diese bewegt sich kaum nach unten. Aktuell liegt sie bei 4,8 Prozent. Deutschland steht besser da mit einer Quote von 3,8 Prozent.

Ein Grund, warum die Arbeitslosigkeit trotz Jobwachstum hartnäckig hoch bleibt, ist die Zuwanderung. Viele neue Stellen werden durch Arbeitsmigranten aus dem EU-Raum besetzt. Es ist davon auszugehen, dass 2018 wieder vermehrt Fachleute aus Deutschland, Frankreich, Italien oder sonst wo in die Schweiz einwandern werden. Die KOF-Experten gehen davon aus, dass die Zahl der Zuwanderer dieses Jahr auf über 65 000 anschwellen könnte. Die Einwanderung in die Schweiz steht damit vor einer Trendwende. Seit der Einführung des Mindestkurses war die Nettozuwanderung merklich rückläufig. Letztes Jahr sank die Nettoeinwanderung (Saldo von Zu- und Auswanderern) auf 53 000 Personen. Sie erreichte damit den tiefsten Stand seit 2006. Jetzt schlägt das Pendel wieder zurück.

Dieses Szenario ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Das haben Analysen der Jahre 2002 bis 2016 ergeben: Die Hunderttausenden von neuen Jobs, die in diesem Zeitraum in der Schweiz entstanden sind, wurden zu zwei Dritteln von ausländischen Arbeitskräften besetzt. Wenn man davon ausgeht, dass durch das beschleunigte Wachstum 75 000 neue Stellen geschaffen werden, sind die Schätzun- gen der KOF als konservativ einzuschätzen. Allerdings: Prognosen sind immer mit Vorsicht zu geniessen, gerade wenn es ums Thema Zuwanderung geht.

Politisch ist die Trendwende Wasser auf die Mühlen der SVP. Die Partei lancierte im Februar die sogenannte Begrenzungs-Initiative. Diese will die Personenfreizügigkeit mit der Europäischen Union kündigen. Käme sie durch, dürften wichtige Elemente der bilateralen Verträge wie der freie Güterverkehr ebenfalls wegfallen. Davor haben Wirtschaftsverbände schon heute Angst. Seit Jahren bläuen sie den Stimmbürgern ein, wie wichtig das Vertragswerk für die Wirtschaft und die Schweiz als Ganzes sei. Bis auf eine Ausnahme folgte ihnen das Stimmvolk: Im Februar 2014 stimmt es der SVP- Masseneinwanderungsinitiative zu, wenn auch äusserst knapp.

Im Juli 2018 wird die Initiative schrittweise umgesetzt. Es wird sich weisen, ob der «Inländervorrang light» einen dämpfenden Einfluss haben wird oder nicht. Einen spürbaren Effekt zu erwarten, wäre allerdings naiv. Zu stumpf sind die beschlossenen Instrumente. Private Unternehmen, aber auch staatliche Behörden, die im grossen Stil im Ausland Personal rekrutieren, werden kaum in die Pflicht genommen, bei offenen Stellen sich primär auf dem lokalen Arbeitsmarkt umzuschauen. Sie werden weiterhin mit ausgeklügelten Sourcing-Verfahren den perfekt auf das Anforderungsprofil zugeschnittenen Kandidaten auswählen – dabei spielt ihnen keine Rolle, ob dieser nun aus Schleswig-Holstein oder Nicaragua kommt, Hauptsache er oder sie erfüllt möglichst alle Kriterien.

Damit aber sägt die Wirtschaft am eige- nen Ast. Denn wenn breite Bevölkerungsschichten vom Aufschwung nicht profitieren und auch keine Perspektive auf einen besser bezahlten Job haben, dann werden sie dies an der Urne quittieren. Führungskräften in Schweizer Konzernen, die ja oft selber aus dem Ausland stammen, scheint das nötige politische Sensorium oder schlicht das Wissen zu fehlen, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz nicht von einem lenkbaren Regierungskabinett beschlossen, sondern von allen Stimmbürgern ausgehandelt werden.