Er tut es jedes Jahr. Er tut es, weil die Umstände es erfordern. Immer am Schmutzigen Donnerstag steigt er nach dem Mittagessen in den Keller und holt das mottendicht verpackte Kostüm aus dem Fasnachtsschrank. Er zieht es an, schaut in den Spiegel und betrachtet das Ganzkörperzebra. Seine Frau schweigt, weil sie aus jahrelanger Erfahrung weiss, dass jetzt jedes Wort falsch wäre. Er stöhnt und tut trotzdem, was er jedes Jahr am Schmutzigen Donnerstag tut: Er schleicht aus dem Haus, hofft, dass ihn die Nachbarn nicht sehen, fährt dann als Zebra zum Schulhaus, wo er schon von der Guggenmusik und vielen verkleideten Kindern erwartet wird.

Er ist Lehrer. Von ihm wie auch von vielen andern Lehrpersonen wird erwartet, dass sie die Schulfasnacht organisieren, die Kinder motivieren, den Umzug alimentieren, die Turnhalle schmücken. Denn die Fasnacht gehört zum Dorf wie die Kirche oder die Post. Wobei, die Post wurde ja letztes Jahr geschlossen. Das ist auch das Thema der Parallelklasse: das Dorf ohne Post. Alle haben sich als Pöstlerinnen und Pöstler verkleidet. Er macht hingegen mit seiner Klasse fast immer Karneval der Tiere. Deshalb auch die Verwandlung zum Ganzkörperzebra.

Gestern hat er im Unterricht den 5.-Klässlern den Fasnachtsbrauch zu erklären versucht. Das ist nötig, denn mehr als die Hälfte seiner Schülerinnen und Schüler stammen ursprünglich aus Kulturen, wo es keine Fasnacht gibt.

Jetzt hat er sich mit seiner Klasse an der Spitze des kleinen Umzugs eingereiht, direkt hinter den Guggen. Am Strassenrand winken die Eltern und das aufrechte Ganzkörperzebra wird von einer Salve aus der Konfetti-Kanone getroffen.

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