Analyse

Darum bleiben die Zinsen tief

Die EZB hält den Leitzins im Euroraum auf einem Rekordtief von null Prozent. (Archivbild)

Die EZB hält den Leitzins im Euroraum auf einem Rekordtief von null Prozent. (Archivbild)

Die Europäische Zentralbank wird die Zinsen bis Ende Jahr nicht erhöhen. Das hat Folgen für die Schweiz.

Mit negativen Zinsen werde das Volk enteignet. Das halten die Kritiker der Schweizerischen Nationalbank vor – und liegen damit kreuzfalsch. Leider, muss man sagen. Hätten Sie recht, wären die Dinge einfacher. Die SNB könnte dem «Volk» die Negativzinsen ersparen. Einfach so, weil es in ihrer Macht liegt. Richtig ist: Die SNB kann nicht anders, solange die Europäische Zentralbank (EZB) nicht ihre Zinsen erhöht. Höbe sie die Negativzinsen dennoch auf, das Volk käme viel mehr zu Schaden.

Dass die EZB ihre Zinsen noch länger tief behält – das bezweifelt seit gestern niemand mehr. EZB-Chef Mario Draghi kündigt an, die Zinserhöhung werde aufgeschoben: bis mindestens zum Jahresende. So lange bleiben die Zinsen auf den 0,0 Prozent, zu denen die EZB den Geschäftsbanken ihr Geld verleiht. Das müsse so sein, so Draghi, weil sich das Wachstum in der Eurozone abschwäche. Im letzten Halbjahr wurde eine Stagnation nur knapp vermieden. Draghi wird für seine Politik oft kritisiert. Ein gefährliches Experiment führe der Italiener durch mit seiner superlockeren Geldpolitik. Warum der in den USA ausgebildete Draghi handelt, wie er handelt, kann man im Blog von Ben Bernanke nachlesen, seines Zeichens ehemaliger Chef der US-Notenbank. Welchen Zins ein sparender Bürger für sein Geld bekommt, so Bernanke, werde leider nicht von einer Zentralbank bestimmt – sondern vom Zustand einer Wirtschaft.

Vereinfacht gesagt, denken Draghi/Bernanke so. In einer boomenden Wirtschaft können sich Unternehmen aus einer Investition mehr Gewinn versprechen. Also nehmen sie auch dann Geld bei einer Bank auf, wenn sie mehr dafür zahlen müssen. Die Bank kann den Sparern so mehr Zins zahlen. Schwächelt die Wirtschaft hingegen, muss die Bank das Geld günstiger hergeben. Würde eine Zentralbank in dieser Lage sagen, liebe Bank, zahl mir mehr Zins, damit ich dir Geld leihe, müsste die Bank wiederum vom Unternehmer mehr verlangen. Der würde sich sagen, dann investiere ich halt nicht – die Wirtschaft wird so nochmals geschwächt.

Also hält Draghi die Zinsen tief, wenn die Eurozone mal wieder schwächelt. Zumal sie sich von der Finanzkrise noch immer nicht richtig erholt hat. In den letzten zehn Jahren danach wuchs sie im Schnitt bloss um 0,8 Prozent. Damit blieb sie weit unter dem Wachstum, das man ihr vor der Krise zugetraut hatte. Und dann sind da die ewigen Patienten. Spanien wuchs jährlich bloss um 0,4 Prozent. Italiens Wirtschaft ist heute rund 3 Prozent kleiner als vor zehn Jahren. Und die EZB muss eine Politik machen, die für die gesamte Eurozone passt – also auch für Italien.

Von der EZB hängt ab, was die SNB tut. Steht Draghi still und Jordan bewegt sich, wertet sich der Franken auf. Das tut er, weil dann Investoren – schweizerische und ausländische – mehr Geld aus der unsicheren Eurozone herausholen und in die stabile Schweiz tragen. Umso mehr, als sich der Franken über die Jahrzehnte stets aufgewertet hat. Also steht Jordan still. Geld in Franken zu parkieren, muss weiterhin weniger Zins abwerfen, als Geld in Euro zu parkieren. Historisch gesehen gab es im Franken immer etwas weniger Zins als im Euro oder davor in der Deutschen Mark. Da Draghi nun Nullzins gibt, muss Jordan negative Zinsen verlangen.

Nun könnte Jordan sagen, ich schaffe den Negativzinsen dennoch ab, soll sich der Franken halt aufwerten. Das käme einer Job-Verweigerung gleich. Jordan hat per Verfassung dafür zu sorgen, dass die Preise stabil bleiben, und muss dabei die konjunkturelle Entwicklung berücksichtigen. Diese Preisstabilität ist anders als in der Eurozone nicht genau definiert. Aber meist wird darunter eine Teuerung zwischen null und zwei Prozent verstanden. Schon beim aktuellen Frankenkurs ist die Preisstabilität nur noch gerade so gewährleistet. Der Landesindex der Konsumentenpreise stand zuletzt fast gleich hoch wie zehn Jahre zuvor. Die konjunkturelle Entwicklung ist auch nicht so, dass Jordan nun bremsen sollte. Das Wachstum brach im letzten Halbjahr abrupt ein. Es fehlte nicht viel für eine Rezession. Würde Jordan nun eine unkontrollierte Frankenaufwertung zulassen – das wäre tatsächlich ein heikles geldpolitisches Experiment. Das Wachstum würde noch schwächer werden. Die Arbeitslosigkeit könnte wieder zunehmen. Das Lohnwachstum, das zuletzt ausblieb, liesse weiter auf sich warten. Es täte mehr weh als der heutige Negativzins.

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