Fahrländer

Corona und wir Schweizer: Den Befehl von oben befolgen wir ergeben

Im öffentlichen Verkehr gilt eine Maskentragepflicht.

Im öffentlichen Verkehr gilt eine Maskentragepflicht.

Eigentlich habe ich mir vorgenommen, mit meinen Kolumnen eine Art Gegenprogramm zum bedrohlichen Hauptthema der letzten Monate zu entwerfen, damit die Menschen im ­Aargau auch mal etwas anderes lesen können. Doch nun stelle ich ernüchtert fest: In 13 meiner letzten 20 Kolumnen seit Ende Februar kommt das C-Wort vor. Natürlich nicht immer als Hauptthema, oft bloss als Einflussfaktor von Ereignissen und Entwicklungen im Kanton. Trotzdem. Eine solche All­gegenwart und Dominanz eines einzigen Themas über viele Monate hat es in den letzten 70 Jahren nicht gegeben. Und es sieht im Moment nicht danach aus, als ob sich an dieser Allgegenwart demnächst etwas ändern wird.

Sonntag, 5. Juli 2020, das Maskentragen im öV ist vom Bundesrat «dringend empfohlen». Doch in Zug und Bus sieht man praktisch keine Menschen mit Masken. Montag, 6. Juli 2020, das Maskentragen im öV ist vom Bundesrat «befohlen». In Zug und Bus sieht man praktisch nur noch Menschen mit Masken. Obwohl sich die Corona-Lage ja nicht über Nacht ändert. Was sagt das aus über unseren Volkscharakter? Um eine dringende Empfehlung foutieren wir uns, auch wenn sie sinnvoll ist, einen Befehl von oben aber befolgen wir ergeben.

Wie steht es um die gerade in liberalen Kreisen gern beschworene Eigenverantwortung, die das freie Schweizer Volk an­geblich mehr auszeichnet als den Rest der Welt? Wer erst und nur funktioniert, wenn ihm etwas befohlen wird – dem könnte man ja noch ganz an­deres befehlen. Wer nur auf Befehl tätig wird, der tritt Verantwortung ab und wird manipulierbar. Hat uns Corona derart verändert?

Der Schweizer Philosoph ­Walther Ch. Zimmerli, Honorarprofessor «Geist und Technologie» an der Humboldt-Univer­sität zu Berlin, schreibt in einem Nach-Corona-Essay: «Vielleicht werden wir uns ab und zu daran erinnern, dass wir kurzfristig in einer ver-rückten Zeit gelebt haben, in der nichts mehr war wie vorher. Und vielleicht werden wir uns auch daran erinnern, dass wir in dieser ver-rückten Zeit so verrückt waren zu glauben, dass sich alles ändert und nichts mehr so sein könnte wie vorher.» Man könnte auch sagen: Die Corona-Zeit hat uns nicht verändert. Sie hat vielmehr unsere vorher schon vorhandenen Charakterzüge schärfer herausgemeisselt.

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