Die Medien interessieren sich brennend für unser Bundesratsgremium, das immer wieder für Unterhaltung und Abwechslung sorgt. Auch wir Schweizer beschäftigen uns – fluchend oder Witze reissend – mit den Bundesräten, obwohl nur eine Bevölkerungsminderheit alle sieben Mitglieder namentlich kennt. Am 5. Dezember ist es wieder so weit: Die Bundesversammlung wählt zwei neue Bundesratsmitglieder für die abtretenden Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann. Kommt es drauf an, wer als Nachfolger gewählt wird? Und was sind eigentlich die Wahlvoraussetzungen zum Bundesrat?

Die Bundesverfassung enthält bloss wenige Vorgaben, immerhin wird der Bundesversammlung empfohlen, «dass die Landesgegenden und Sprachregionen angemessen vertreten sind» (Artikel 175). Dass die Parteizugehörigkeit im Vordergrund steht, scheint naheliegend, ebenso wie das Netzwerk der Kandidaten mit dem Wahlgremium. Nirgends steht allerdings das Entscheidende, dass nämlich «der Beste» oder «die Beste» als Bundesrat gewählt werden müsse – tatsächlich haben politische Alphatiere kaum Wahlchancen (oder Wiederwahlchancen). Das Mittelmass des Bundesparlaments setzt sich nahtlos im Bundesrat fort. Dafür sorgen nicht zuletzt die «Hearings» der Bundesratskandidaten mit den politischen Parteien und Interessengruppierungen. Dass solche Castingshows keine Qualitätstests darstellen, wissen wir nicht erst seit «Die grössten Schweizer Talente» oder dem «Bachelor».

Erstaunlicherweise, ohne dass dies zu bedauern wäre, lösen sich im 21. Jahrhundert gewisse Wahlkriterien früherer Zeiten auf, etwa ein Homestory-geeignetes, nicht geschiedenes, telegenes «glückliches Familienleben» mit zahlreichen strahlenden Kindern. Ohne dass die Schweiz bis anhin unterging, erweist sich die heutige Bundesratsmehrheit als kinderlos (als Gegengewicht haben immerhin die drei bundesrätlichen Väter total elf Kinder vorzuweisen).

Weitere Traditionen für Bundesräte in spe «drohen» zu verschwinden: Sollte Karin Keller-Sutter gewählt werden, bestünde die Bundesratsmehrheit erstmals aus Nichtakademikern. Sollte Heidi Z’graggen gewählt werden, gäbe es erstmalig keinen einzigen Juristen mehr im Bundesrat. Es ist mir ja schon klar, der Abwehrreflex gegen Akademiker im Allgemeinen und gegen Juristen im Besonderen führt vermutlich weitverbreitet zu Applaus, wenn auch nicht überall so penetrant wie vor einigen Tagen durch einen «Cüpli-Populisten» im «SonntagsBlick» in seiner Kolumne («Aus dem Volk»): «Politik ist zur Herrschaftssphäre der Studierten geworden. (…) Auffällig häufig sind Politik-Akademiker Juristen; gebildet müssen sie dazu nicht sein. (…). Fünf Paar auf Hörsaalbänken durchgescheuerte Designerjeans dürfen für die jüngste Politikergeneration von der Universitäts-Rutschbahn schon als Leistung gelten. (…) Und nun also: ein Bundesrat mit einer Mehrheit von Mehrheitsmenschen, also von Nichtstudierten? Das ist doch wunderbar.» Herr Meyer, kommen Sie in eine meiner Vorlesungen – und wagen Sie einen Blick in die Realität.

Ich habe keinen akademischen Dünkel, sogar als Jus-Professor. Selbstverständlich können auch Nichtakademiker und Nichtjuristen erfolgreiche Bundesräte sein, und Akademiker sowie Juristen floppen nicht selten in dieser Funktion. Doch seien Sie, liebe Leser (und Herr Meyer), ehrlich: Würden Sie sich lieber von einem Metzger oder einem Chirurgen am Herzen operieren lassen? Dass eine Pianistin das Justizdepartement führt, erstaunt mich seit Jahren: Würden Sie wirklich ein Taxi besteigen, wenn Sie wüssten, dass der Fahrer nie einen Führerausweis gemacht hat? Zentral erscheint mir, dass jedermann dies macht, was er kann und wofür er aus- oder weitergebildet wurde: Lassen Sie einen Juristen nie Ihr Auto reparieren.

Für mich, als Staatsbürger Kunz, ist beispielsweise völlig ohne jegliche Bedeutung, ob ein Bundesratskandidat ein Jurist, ein Akademiker, ein Mann, eine Frau, ein nicht binärer Mensch, eine homosexuelle oder bisexuelle Person, ein Christ, ein Jude, ein Muslim, ein Buddhist, ein Atheist oder ein Agnostiker ist. Für mich hingegen unerlässliche Kriterien sind: Fachkompetenz, Mut, Originalität, Disziplin, Charakterstärke, und – last but not least – Bereitschaft, auch unangenehme Entscheidungen zu fällen. Diese Wahlvoraussetzungen für einen Bundesrat, so scheint es mir, werden in der Schweiz leider nicht immer erfüllt.

Der Autor, Prof. Dr. iur., Rechtsanwalt, LL.M., ist seit 2005 Ordinarius für Wirtschaftsrecht und Rechtsvergleichung der Universität Bern; seit 2015 ist er Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät. Vor seiner akademischen Karriere war er unter anderem als Journalist tätig und als FDP-Mitglied Gemeinderat in Dulliken und Kantonsrat des Kantons Solothurn. Inzwischen ist er aus der FDP ausgetreten.