Seit es die Presse gibt, gibt es auch Zeitungsenten. Und doch habe ich grosse Mühe mit all jenen Politikern und Meinungsmachern, für welche die Presse schon immer ein Hort der Halbwahrheiten gewesen ist.

Denn was wir heute unter dem Schlagwort Fake News erleben, ist das Gegenteil von dem, was Journalismus seit je auszeichnet: der Wille zur Wahrheit. Fake News sind darum nicht einfach Zeitungsenten mit neuem Namen. Wenn heute irgendwo Geschichten fabriziert werden, von denen die Schreiberlinge wissen, dass sie nicht stimmen, aber viele Klicks generieren, wird das Publikum bewusst manipuliert.

Journalismus soll die Wirklichkeit einfangen

Diese absichtliche Täuschung der Leserinnen und Leser gab es lange nur in Klatschheftchen, in denen Elvis gesichtet wurde, wie er das Ungeheuer von Loch Ness fotografiert. Entsprechend gering waren die Nebenwirkungen. Wenn heute vergleichbarer Unsinn politisch aufgeladen und als News verkauft wird und sich auch noch Journalismus nennt, dann haben die Medien ein Problem. Und mit den Medien hat auch die Demokratie ein Problem, gerade bei uns. Denn die Leute müssen wissen, worum es in einer Abstimmung geht. Sonst meinen sie plötzlich, mit der AHV-Reform sollen die AHV-Renten gekürzt werden.

Journalismus lebt für mich von Fakten und von Geschichten. Wenn Leute zu Wort kommen, die sonst nicht gehört werden. Wenn Ecken ausgeleuchtet werden, die sonst im Dunkeln bleiben. Wenn Tatsachen aufgedeckt werden, welche andere lieber unter Verschluss gehalten hätten. Denn die Realität übertrifft bekanntlich die Fiktion. Ich bin mir bewusst: Es gibt keine nackten Tatsachen. Jeder von uns sieht immer nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Niemand kann die Realität in ihrer ganzen Breite, mit all ihren Facetten abbilden.

Und niemand von uns schaut unschuldig auf die Welt. Jeder nimmt sie durch seine Augen wahr, jede schaut dorthin, wo es sie besonders interessiert.

Anything goes, also doch? Nein! Man kann schon erzählen, die Erde sei eine Scheibe. Aber Sie müssen dann auch aufzeigen können, wo man runterfällt.

Und Sie können schon behaupten, die Geschlechterfrage hätte sich in Politik und Wirtschaft längst erledigt. Dann müssen Sie aber auch zeigen, wo dann all die Bundesrätinnen und Wirtschaftsbossinnen geblieben sind. Was für mich zählt, ist das ernsthafte Bemühen, die Wirklichkeit in Wort und Bild einzufangen. Dieses Bemühen stelle ich bei der Zeitungslektüre tagtäglich fest. Und ich schätze es – als Leserin, als Bürgerin und als Bundesrätin.

Auch Politik muss sich auf Fakten stützen

Die Debatte um das postfaktische Zeitalter hat aber noch eine andere Seite. Und da stehen nicht die Medien unter besonderer Beobachtung, sondern die Behörden und damit auch meine Arbeit. Schlagwort sind hier die sogenannten alternative facts.

Wenn die Behörden Informationen verbreiten, die nicht stimmen, beschädigt das die Glaubwürdigkeit der Politik. Der Politik geht es darum ähnlich wie den Medien. Politik ist am stärksten, wenn sie sich auf Fakten stützt und gleichzeitig Stimmungen in der Bevölkerung aufnimmt. Wenn Fakten nicht stören, sondern der Ausgangspunkt sind für politisches Handeln. Denn Politik ist nicht nur die Kunst des Machbaren. Sie ist auch der Versuch, die Wirklichkeit ernst zu nehmen.

Die Bevölkerung muss merken, dass ihr Lebensalltag in der Politik eine Rolle spielt. Sonst wird Politik zum Ritual, zum leeren Geschwätz. Wenn wir über die Vertretung der Frauen in der Teppichetagen der grossen Schweizer Unternehmen diskutieren, müssen wir darum zuerst einmal die Realität zur Kenntnis nehmen. Und die sieht in diesem Land so aus: 9 von 10 Geschäftsleitungs-Mitgliedern sind Männer. 8 von 10 Mitgliedern im Verwaltungsrat sind Männer.

Und viel verändert hat sich in den letzten Jahren nicht wirklich. Der Anteil Männer in den Geschäftsleitungen der grössten 100 Schweizer Unternehmen betrug 2004 96 Prozent; 13 Jahre später liegt der Männer-Anteil bei 92 Prozent.

Darum sage ich: Die grossen Unternehmen sollen endlich von sich aus Transparenz über den Frauenanteil im Kader schaffen. Sie sollen sich erklären, wenn sie es nicht geschafft haben, für 10 Verwaltungsratsmandate 3 Frauen zu finden. Man kann diesen Vorschlag des Bundesrats gut finden oder unnötig oder zu zahm. Die Zahlen sind aber die Basis für eine vernünftige Diskussion. Denn nur so diskutieren wir über die Realität in diesem Land.

Auch Bundesräte müssen mit Widersprüchen umgehen können

Natürlich ist die Realität häufig komplex, und sie einzufangen, ist auch für mich nicht immer einfach. Da geht es mir nicht anders als den Medien. Ich rede darum mit möglichst vielen Leuten. Mit Direktbetroffenen, Experten, aber natürlich auch mit Parlamentarierinnen und Regierungsräten.

Kurz: Ich gehe eigentlich gleich vor wie eine gute Journalistin. Das Bild, das bei diesen Gesprächen entsteht, ist kaum je frei von Widersprüchen. Das habe ich schon bei einem meiner ersten Projekte als Bundesrätin erlebt: der gemeinsamen elterlichen Sorge für unverheiratete und geschiedene Eltern mitsamt Neuregelung des Unterhaltsrechts.

Das Thema ist für den Lebensalltag von Hunderttausenden in diesem Land absolut zentral. Und es geht um grosse Fragen: um Familie, Kinder, Beziehungen, Liebe und Geld. Das alles macht das Dossier zu einem politischen Minenfeld. Ich habe darum einen runden Tisch einberufen.

Und an diesem Tisch sind Welten aufeinandergeprallt: Geschiedene Männer, die sich als Zahlväter missbraucht fühlen, alleinerziehende Mütter, die sich im Stich gelassen wähnen – und irgendwo sind dann noch die Kinder, die zwischen diesen zwei Welten zerrissen werden.

Diese unterschiedlichen Realitäten können Sie nicht versöhnen. Sie können sie nur wahrnehmen und versuchen, eine Lösung zu finden, die beiden Welten gerecht wird.

Und das habe ich gemacht. Wir haben am Ende eines schwierigen Prozesses eine Lösung gefunden, die einer komplexen Realität gerecht wird. Mein Anspruch an meine eigene Arbeit ist deshalb der gleiche, den ich auch an die Medien stelle:

Was zählt, ist das ehrliche Bemühen, sich den Fakten zu stellen, so unbequem oder widersprüchlich diese auch sein mögen. Denn wer die Realität nicht aushält, verliert sich in Ideologien.

Demokratie braucht Medienvielfalt – und Mittel

Ich bin mir bewusst, dass die Medienbranche schwierige Zeiten durchlebt. Die Zeitungen haben in den letzten 20 Jahren rund eine Milliarde Franken an Werbeeinnahmen verloren. Ich kann Ihnen darum versichern: Ich höre die Sorgen der Branche, und ich bin offen für Lösungsvorschläge.

Denn unsere Demokratie braucht die Medien, und zwar
in ihrer ganzen Vielfalt. Eine Zeitung allein kann nicht die ganze Realität abbilden. Hierfür braucht es Sie alle.