Pro: «Eine unabhängige Instanz könnte eine Entlastung sein»

Heute wird bereits jeder fünfte Streitfall zwischen Eltern und Schulen mit einem Anwalt ausgefochten.

Erfunden haben ihn die Schweden, doch inzwischen hat er sich weltweit als unabhängige Schlichtungsinstanz durchgesetzt: der Ombudsmann. In der Schweiz setzen Banken, Versicherungen und Medien auf ihn. Die AZ Medien zum Beispiel haben gute Erfahrungen gemacht, die Fälle, bei denen betroffene Leser vor den Richter zogen, sind praktisch verschwunden, der Ombudsmann regelt Betroffenheiten und Streitigkeiten niederschwellig. Heute kennen ihn auch Behörden wie die Kesb oder ganze Kantonsverwaltungen.

Und nun also – die Lehrer. Ihr Dachverband LCH fordert die Gründung einer unabhängigen Ombudsstelle. Zu finden ist die Forderung in einem Positionspapier, in welchem es um die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Eltern geht. Tatsächlich ist die Entwicklung auf allen Schulstufen zu beobachten: Immer mehr Eltern nehmen sich einen Anwalt und klagen gegen Lehrer ihrer Kinder. Im Aargau wird bereits jeder fünfte solche Streitfall mit einem Anwalt ausgetragen.

Oft geht es um Promotions- oder Laufbahnentscheide, mitunter genügt aber auch eine ungenügende Note oder zu viel (oder zu wenig) Förderung, zum Beispiel mittels Hausaufgaben. Wenn Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, ist das schön. Nur leider meinen viele Eltern, nur sie wüssten, was dieses Beste sei. Zum Beispiel das Gymnasium. Um jeden Preis. Die meisten Kantone kennen heute professionelle Schulleitungen. Sie sind die «Aussenminister» der Schulen.

Doch Kampfeltern akzeptieren sie nicht als Schlichtungsstelle, sie sind ja Partei und schützen sowieso nur die Lehrer. Eine wirklich unabhängige, wirklich sachkundige Ombudsstelle könnte eine Entlastung sein. Man müsste es versuchen. Auch wenn es in Fahrt gekommenen Streithähnen (nicht nur in der Schule) selten um die objektive Wahrheit, sondern um das eigene Rechthaben geht.

Allerdings warten wir noch auf Details. In welcher Dichte soll es Ombudsstellen geben? Für die ganze Schweiz eine? Das wird kaum funktionieren, zu viel läuft in der Schule kantonal. Wissen müssten wir auch noch: Wer alles könnte die Ombudsstelle anrufen? Eltern, klar. Lehrkräfte, klar. Aber sicher nicht Kinder, die mit ihrem Lehrer nicht zufrieden sind. Sonst müssten wir unsere Zustimmung zu dieser neuen Institution wieder zurückziehen.

Kontra: «Es braucht Rückbesinnung auf den Kern des Unterrichtens»

In der Umsetzung trägt eine zusätzliche Schlichtungsinstanz an der Schule zur Aufweichung der bestehenden Strukturen bei.

Die Schaffung einer Ombudsstelle, um dem «Zoff mit Eltern» Herr zu werden (siehe «Schweiz am Wochenende» vom 29. April), erscheint auf den ersten Blick plausibel. In der Umsetzung jedoch trägt eine zusätzliche Schlichtungsinstanz, die nicht im Schulalltag involviert ist, zur Aufweichung bestehender Strukturen bei.

An jeder Schule sind die Zuständigkeiten im Streitfall geregelt, bevor es zum Gerichtsfall kommt. Das Netzwerk von Schulleitung, Schulpflege, Schulaufsicht, Bezirksschulrat und Erziehungsrat regelt Probleme, die im Übrigen durch die mediale Aufbereitung und Ausschlachtung ungemein wichtiger erscheinen, als sie es tatsächlich sind.

Eltern, die glauben, ihrem Kind einen Gefallen zu tun, wenn sie eine Aufsatzbewertung mit juristischen Mitteln anfechten, wird es so oder so vereinzelt geben. Eine Ombudsstelle mag zwar unabhängig erscheinen. Doch eine gute Schulleitung – wie beispielsweise in Suhr – ist es auch. Und sie vereint mehr Kompetenzen im Case-Management bei konkreten Streitfällen als eine externe Behörde. In Zeiten des Spardrucks macht eine Ombudsstelle ebenso wenig Sinn, da – so die Forderung – die Dienste unentgeltlich sein sollen.

Es braucht Gespräche, bevor Konflikte entstehen. Es braucht aber auch eine Rückbesinnung auf die Kernaufgabe des Unterrichtens, die unter dem Beurteilungsdruck zunehmend aus dem Blickfeld gerät. Die Beurteilungen von Selbst- und Sozialkompetenzen, die scheinbar messbare Jagd auf Lernziele und die Förderung in Berücksichtigung sämtlicher individueller Lernschwächen und Begabungen, die alle transparent und überprüfbar sein sollen, führt zur Illusion, dass Kinder als eine beliebig beeinflussbare Materie beschult werden können, gar sollen.

Ein solches Trugbild führt dazu, dass die Schule die streitbaren Zielsetzungen nicht erreicht. In der Folge kommt es zum Jekami von Politik, Wirtschaft und Eltern, wie es aktuell gerade mit dem Frühfranzösisch in verschiedenen Kantonen geschieht.

Eine Ombudsstelle löst diese Probleme nicht, sondern bietet eine zusätzliche Bühne für einen Mitsprachesalat im Schulalltag und entmündigt in der Folge die existierenden Instanzen. Es sind die sprichwörtlichen vielzähligen Köche, die den Schulbrei verderben, und die Verantwortung auf subsidiärer Ebene diffundieren lassen.