Es sind explosive Sätze: «Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen» und: «Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow.» Über diese geschmacklosen Zeilen wird seit Tagen debattiert. Sie stammen von den deutschsprachigen Rappern Kollegah und Farid Bang. Diese sind bei den Echos ausgezeichnet worden. Ihr Album «JBG3» (Abkürzung für «Jung, Brutal, Gutaussehend 3») gehörte in Deutschland zu den fünf meistverkauften des Jahres 2017. Womit die Voraussetzung für eine Echo-Nomination formal erfüllt worden war.

Muss man so was in einer Galashow würdigen? Provokationen brechen Meinungseinfalt auf, lösen Emotionen aus, setzen Debatten in Gang. Aber wenn man sich die Musik von Kollegah und Farid Bang anhört, muss man sich fragen, weshalb der Bundesverband der Musikindustrie, der den Echo ausrichtet, in diesen Texten nicht genügend Steine des Anstosses fand. Wer mit dem Argument der künstlerischen Freiheit jegliche Dummheiten dieser Welt verteidigt, macht es sich zu einfach. Solcherlei auch noch mit einem Preis zu würdigen, ist im Fall von Kollegah und Farid Bang klar zu viel der Ehre. Denn die ausgezeichnete Musik, die Exzellenz also, hört sich so an: «Bist du satt? Niemals, guck, was aus Deutschrap wird, Bruder / Nur noch Biter, nur noch Fotzen, nur noch Krüppel im Business / Es wird Zeit! Für was? Wieder paar Mütter zu ficken!» (aus «Sturmmaske auf»).

Wehret den Anfängen

Schon klar, Gangsta-Rap steht für den Kampf um die Vorherrschaft im Fitnesscenter der Popmusik. Da wird gedisst, gehasst, geblufft, gemeckert und gemackert. Testosterongesteuertes Gehabe. Aber wie unter dem Deckmantel der Kunst antisemitische, sexistische, menschenverachtende Ansichten verbreitet werden, ist ethisch und moralisch dermassen fragwürdig, dass man von einer vermeintlich höheren Instanz, zu der man einen Bundesverband zählen würde, erwarten dürfte, solchen Auswüchsen keine Plattform zu geben. Wehret den Anfängen! Immerhin war in Deutschland einst ein Führer an der Macht, der aus rassistischen, hasserfüllten Motiven Millionen in den Tod schickte.

Im Jahr 2018 sind wir also wieder so weit, dass es ein deutscher Musikverband zulässt, für ein Rap-Album mit hasserfüllten Texten und geschmacklosen Vergleichen einen Preis zu überreichen, und das ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das macht sprachlos. Und dass dies im Jahr nach #MeToo und Harvey Weinstein geschieht, dieser grossen Demontage des Chauvinismus’ im Unterhaltungsgeschäft, zeugt von einer Unsensibilität, die sich nicht mehr entschuldigen lässt. Es zeigt, wie viel toleriert und zugelassen wird, in einer Zeit, in der rechtsextreme Politiker wieder ordentlichen Zutritt ins deutsche Parlament erhalten haben, in der Rassismus und Gewaltverherrlichung schulterzuckend als Alltagsvorgang hingenommen wird.

Bitte mehr Echo für schlaue Texte

Die Branche hat angekündigt, dass sie die Kriterien der Echo-Verleihung überarbeiten will. Ein Hohn. Der Schaden ist angerichtet, die Verantwortlichen hätten schon viel früher das Hirn einschalten sollen. Der Preis, durch den kontinuierlichen Untergang der klassischen Musikindustrie längst entwertet, hat nun auch das letzte bisschen Würde verloren, das er mit rotem Teppich und teuren Anzügen darzustellen versucht. Respekt gebührt da Klaus Voormann, dem fünften Beatle: Der 79-Jährige hat seinen Echo fürs Lebenswerk nach drei Tagen retourniert. Er habe die Texte des umstrittenen Albums von Farid Bang und Kollegah gelesen, um sich eine fundierte Meinung bilden zu können, so Voormann. Mit der Rückgabe des Preises will er sein «Unverständnis ausdrücken gegenüber der Verantwortungs- und Geschmacklosigkeit aller Beteiligten, die es nicht geschafft haben, rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen.»

Recht hat er. Und während in Deutschland weiterdiskutiert wird, blickt man ehrfürchtig nach Amerika. Dort wurde soeben zum ersten Mal in der Geschichte ein Rapper mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Nicht für seine Muckis, sondern für seine Musik, für seine smarten Texte: «The great American flag/Is wrapped and dragged with explosives/Compulsive disorder, sons and daughters/Barricaded blocks and borders.» Mit fulminanten Reimen — hier etwa zur US-Aussenpolitik — lässt Kendrick Lamar aufhorchen. Hoffentlich erhält dieser Virtuose künftig mehr Echo als die deutschen Kollegahs.

marc.krebs@azmedien.ch