Es gibt nur wenige heilige Kühe, die so gut genährt werden wie die Überzeugung, dass Demokratie gut sei und von jedermann – weltweit – angestrebt werde. Obwohl die meisten 1.-August-Redner den Titel für unser Land beanspruchen, bezeichnen sich zahlreiche Staaten als «älteste Demokratie der Welt». Demokratie wird auch gerne in Ländernamen verwendet: Demokratische Republik Vietnam, Demokratische Republik Korea, Demokratische Republik Kongo oder ehemals Demokratische Volksrepublik Jemen.

Demokratie erscheint also durchaus multifunktional, anders ausgedrückt: gummig. Die Begriffe «Demokratie» und «demokratisch» lassen erhebliche Flexibilitäten zu, nach dem Politikermotto: «Se non è vero, è ben trovato». Die erwähnte heilige Kuh frisst sich in erster Linie bei uns im Westen satt, von Winston Churchill stammt die Aussage: «Demokratie ist die schlechteste Staatsform – mit Ausnahme aller anderen». Die USA unternahmen nach dem Zweiten Weltkrieg, noch lange vor der Ära Trump, einen globalen «Demokratieexport», und Entwicklungshilfe wird heute teils weiterhin als «Demokratieförderung» betrachtet.

Doch wagen wir den gedanklichen Tabubruch mit Fragen: Ist Demokratie gut – oder zumindest sinnvoll, geradezu unvermeidlich? Macht die Staatsform der Demokratie als «Volksherrschaft» wirklich das «Volk» – was (oder wer) auch immer dies sein mag – glücklich? Ist die schweizerische Variante der Demokratie der Weisheit letzter Schluss? Weshalb sollte ein Volksentscheid, der einzig auf quantitativen Kriterien beruht, richtig(er) sein als ein sonstiger Beschluss? Müsste, wer demokratische Rechte hat, ebenfalls demokratische Pflichten haben?

Die heutige Demokratie stellt, etwas trivialisiert, sozusagen eine Erfindung der Aufklärung sowie der Französischen Revolution dar, ist also nur etwas älter als 200 Jahre. Die Jahrhunderte und Jahrtausende davor waren alles andere als demokratisch, und auch die meisten heutigen Staaten dürften weder in der Tradition noch in der Realität echte Demokratien sein – trotzdem funktioniert dort das Leben, mindestens im Grossen und Ganzen. Anscheinend verlangen beispielsweise in China, in Russland oder in der Türkei, wahrlich keine demokratischen Vorreiterstaaten, die Bevölkerungsmehrheiten keine Demokratie.

Schon die alten Römer schienen zufrieden mit «Brot und Spielen» («panem et circenses») – will das «Volk» wirklich mitbestimmen, oder stehen pragmatisch «Friede, Freude und Eierkuchen» im Vordergrund? Natürlich sollen damit Unrechtsregimes nicht gerechtfertigt oder kleingeschrieben werden. Doch Unrecht hat meist wenig mit der Staatsform zu tun, sondern basiert eher auf Ignoranz, Desinteresse, Überforderung, Vetternwirtschaft, Macht- und sonstiger Korruption – und solche Verhaltensweisen kommen in Demokratien ebenfalls vor.

Ich bin kein Anti-Demokrat, weit davon entfernt. Jedoch ist mir zutiefst zuwider, dass die angebliche «Demokratie» – wie immer im Einzelfall definiert – politisch korrekt zelebriert und geradezu mystifiziert wird. Die real existierenden Demokratien entsprechen ohnehin niemals dem Idealtypus. Zwar bin ich froh, in einer gut funktionierenden Demokratie leben zu dürfen (nicht zuletzt sind hier irrlichternde Kolumnen zulässig). Was mich indessen seit langer Zeit gewaltig stört, ist ein demokratisches Sendungsbewusstsein und unsere damit verbundene Selbstgerechtigkeit. Demokratie ist weder unvermeidlich noch alternativlos.

Sollten wir allenfalls auch bei uns nach neuen oder ergänzenden Kriterien in Bezug auf das «gleiche Stimmrecht» fragen? Könnte das Stimmrecht beispielsweise differenziert werden, nach dem Höchstalter (wie für Kardinäle bei der Papstwahl), nach der Intelligenz, nach den bezahlten Steuern oder danach, ob das Stimmrecht regelmässig wahrgenommen wird?

Mit dieser Kolumne habe ich vermutlich jede Chance verspielt, in Zukunft wieder einmal als 1.-August-Redner angefragt oder als Nationalrat ins Bundesparlament gewählt oder in der «Weltwoche» positiv erwähnt zu werden – doch sei’s drum. Die Demokratie ist nicht einfach, bringt Herausforderungen und Belastungen mit sich, setzt Eigenverantwortung voraus. In Abstimmungen das Geld «der Anderen» auszugeben, hat mit Demokratie wenig zu tun. Und zum Schluss noch dies: Dass das «Volk» immer recht hat, scheint ein offensichtlicher Blödsinn.