Kürzlich an einem 60. Geburtstag. Der Jubilar zeigt Super-8-Filme aus den 60er- und 70er-Jahren. Gefilmt hat die Szenen aus dem gewöhnlichen Familienleben damals die Mutter mit einer einfachen Handkamera. Die Filme sind fürchterlich schlecht. Ohne Ton, mit wirrem Schnitt, häufig unscharf, mit blassen Farben.

Dennoch können die Geburtstagsgäste nicht genug von den Bildern bekommen, die der Beamer in einer Endlosschlaufe auf die Leinwand wirft. Denn die Filme sind grossartig. Sie zeigen zentrale Ereignisse im Leben der Grossfamilie: Hochzeiten, Taufen und andere Feste, und immer wieder gemeinsame Ferien. Die Bilder sind so unscharf, dass sie heftige Diskussionen auslösen, etwa, wer denn nun die Schöne im Brautkleid war, ob das überhaupt ein Brautkleid war und wann. Die unscharfen Bilder schärfen die Erinnerung und man erzählt sich die alten Geschichten, die man zwar kennt, aber vielleicht vergessen – oder so noch nie gehört hat.

Diese kollektiven Momente der Erinnerung werden natürlich auch festgehalten: Handys in grosser Zahl fotografieren und filmen das Fest mit den grossartig unscharfen Bildern. Jedes dieser Bilder und jedes Filmchen ist hundertmal perfekter als das, was die Mutter damals mit der Super-8-Kamera einfing. Dennoch bleibt ihr filmisches Werk ein unerreichbares Unikat. Es stammt aus einer Zeit, als es noch die Ausnahme war, dass man gelebtes Leben in bewegten Bildern festhielt. Heute ist es umgekehrt: Heute haben wir sofort die Bilder von allem: Wer hat das Kalb im Bahnhof Brugg noch nicht gesehen?

Je mehr Bilder wir haben, desto weniger brauchen wir die Erinnerung. Bis wir eines nicht allzufernen Tages nur noch Bilder, aber keine Erinnerung mehr haben.