Bei der kommenden Bundesratswahl ist eines mehr oder weniger sicher: die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Bundesrat Didier Burkhalter wird nicht ins Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) einziehen.

Einer ungeschriebenen Regel zufolge erfordert die Übernahme des Prestigedepartements eine mehrjährige Erfahrung sowohl im Bundesratszimmer als auch in der Leitung anderer Departemente. Die jüngste Ausnahme von der Regel war Micheline Calmy-Rey, die am 4. Dezember 2002 als Genfer Finanzdirektorin direkt zur Bundesrätin gewählt wurde und am 1. Januar 2003 das EDA übernahm.

«Sie wusste von Aussenpolitik wenig und von Diplomatie nichts, woraus sie ein Programm machte», schrieb Max Frenkel in seinem (un-)diplomatischen Glossar in der NZZ. Ihr schönes Eckbüro im ersten Stock des Bundeshauses West, wo auch der künftige EDA-Chef seinen Amtssitz haben wird, gilt noch immer insgeheim als Krönung jeder eidgenössischen Karriere.

Das EDA hiess früher EPD: Eidgenössisches Politisches Departement. Es galt seit 1848 als bedeutendstes Ministerium, vorab weil es nicht nur für die auswärtigen Angelegenheiten, sondern auch (bis 1914) für die innere Sicherheit zuständig war. Die Sicherheit der Bevölkerung und die Beziehungen zu den Nachbarländern – man befand sich mitten in der europäischen Revolution – war für die Verfassungsgeber die klassische politische Aufgabe des Bundesrates.

Deshalb wohl wurde das EPD von 1848 bis 1920 – mit einem Unterbruch zwischen 1888 und 1897 – vom jeweiligen Bundespräsidenten geführt. Dieser wurde damals vom Parlament unter den amtierenden Bundesräten ausgewählt. Die übrigen «unpolitischen» Departemente verwalteten das Innere, Justiz und Polizei, Finanzen und Zölle, das Militär, Industrie und Landwirtschaft sowie Post und Eisenbahn.

Als der Zürcher Ständerat Wilhelm Friedrich Hertenstein am 21. März 1879 in den Bundesrat gewählt wurde, trat er die Nachfolge des im Amt verstorbenen Militärdepartementschefs Johann Jakob Scherrer an. Hertenstein war im Sonderbundskrieg Artillerieleutnant und führte später Gebirgsartilleriebatterien und -brigaden als Oberst. Obschon ein Liberaler und zu den Freunden Alfred Eschers gehörend, war Hertenstein wegen seiner militärischen Erfahrungen Bundesrat geworden.

Das Militärdepartement war seine «Raison d’être», und so blieb er dort, selbst als man ihn für das Jahr 1888 zum Bundespräsidenten wählte. Derweil sein Vorgänger als Bundespräsident des Jahres 1887, der Neuenburger Numa Droz, auf dem Stuhl des EPD-Vorstehers sitzen blieb. Das «System Droz» war geboren, und es gilt bis heute, was die Bundeskanzlei so bezeichnet: «Das Bundespräsidium wechselt zwischen den Departementsvorstehern».

Und die Bundesrätinnen und Bundesräte bleiben in ihren Büros sitzen, müsste man beifügen. Denn weil der jährliche Chefwechsel beim EDA auch zu Rochaden in anderen Departementen geführt hatte, war nun die Folge des «Systems Droz» eine geringere Fluktuation unter den Departementsvorsitzenden. In der jüngeren Geschichte des Bundesrats gibt es deswegen mehr und mehr Departementschefs, die ihre ganze Amtszeit im selben Departement verbringen.

Das Parlament und der Bundesrat selbst haben seit der Gründung der Eidgenossenschaft ungezählte Male den Bundesrat als Institution zu reformieren versucht. Er sollte vergrössert oder entlastet werden. Man wollte ihn effizienter und damit noch produktiver machen. Zum Glück sind solche Bestrebungen – mit wenigen Ausnahmen – erfolglos geblieben.

Der Bundesrat ist der Kern der genialen Architektur des Bundesstaats von 1848. Die Eidgenossenschaft und ihre «Regierung» (die Stimmbürgerinnen und -bürger) – sie sind das Produkt der revolutionären Aufteilung von Macht und gleichzeitig die Garanten für die beispiellose politische Stabilität der Schweiz.

Ennet ihrer Grenzen ist heute das Europa von damals nicht mehr wiederzuerkennen. Ein hybrides Gebilde, ein Staatenbund, mit dem wir bilaterale Beziehungen unterhalten. Eine Wiederbelebung des EDA-Vorsitzes mit dem jährlich wechselnden Bundespräsidium würde die Pflege dieser Beziehungen aufwerten.

Bei wichtigen Sitzungen müsste der Bundesrat nicht mehr zu zweit oder zu dritt nach Brüssel reisen. Und das Sesselrücken im Bundesratszimmer würde wieder öfter stattfinden. Und damit Bewegung in die Politik bringen.