In Deutschland gibt’s ein einziges Ehe – in der Schweiz natürlich keins. Das Korrekturprogramm versieht das sogleich mit Wellenlinie. Auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser, dürften stutzen. Trotzdem ist das korrekt geschrieben: In Deutschland gibt’s wirklich nur ein Ehe. Wir fuhren vor einiger Zeit mal hin, der Berliner Fotograf Mathias Marx und ich. Jeder weiss Bescheid von Ehe, alle reden drüber. Kaum jemand war wirklich dort und weiss, wie es in Ehe aussieht. Kennt Ehe auch Geschiedene?

Die Rede ist von einem Dorf in Bayern. Nicht jede Karte verzeichnet Ehe; GPS kann zur Orientierung helfen. Der Name bezeichnete ursprünglich ein Flüsschen, ähnlich wie in der Schweiz die Aa. Das verfestigte sich – missverständlich – zu Ehe. Es roch fruchtig und etwas faulig in Ehe, als wir den Weiler mit der gebotenen Vorsicht durchstreiften. Auf den Strassen lagen vermatschte Mostbirnen. Erst seit wenigen Jahren nutzt man den USP, den einmaligen «Brand» von Ehe. Ein Paar, seit über vierzig Jahren verheiratet, also «gestandene Ehemer», richteten auf ihrem privaten «Erdbeerhof-Hof» ein Standesamt ein. Darum kennt Ehe hier Öffnungszeiten, sonntags ist geschlossen. Tatsächlich hat es im Dorf nie eine Scheidung gegeben. Falls es doch mal kriseln sollte hinter den schmucken Fassaden, dann vertreibt der Name, der Druck, die Aura von Ehe ein streitsüchtiges Paar sicher früher oder später nach Diespeck in der Nachbarschaft. Dort gelten wieder landesübliche Raten.

Fürs Wochenende, sagten die bayrischen Eheflüsterer, habe sich ein lesbisches Paar angemeldet, um in Ehe zu heiraten. Bis dahin sollten wir doch in der Gegend bleiben, ergäbe sicherlich eine tolle Geschichte. Im Auto schauten Mathias und ich einander fragend an. Mathias startete den Diesel, ich konnte nur bekräftigen: «War schön in Ehe. Aber es tut gut, aus Ehe rasch auch wieder zu verschwinden.»

Gemischte Gefühle verwundern nicht beim Thema Ehe. Die Erinnerung daran wurde diese Woche geweckt durch eine bemerkenswerte Angabe des Bundesamtes für Statistik, publiziert in der «NZZ»: Gemäss diesen Angaben ging die Zahl der Scheidungen in der Schweiz 2017 im Vergleich zum Vorjahr zurück. Sogar «stark zurück», wie das Bundesamt schreibt. Nämlich um 12,8 Prozent. Nach wie vor sind es über vierzig Scheidungen pro Tag und 15 000 aufgelöste Ehen pro Jahr. Heisst: Es bleibt bei gemischten Gefühlen.

Die Autorin des NZZ-Artikels war weniger skeptisch. «Kann denn Liebe ewig sein?», fragte sie am Anfang. Und hörte auf mit dem Satz: «Romantische Liebe verträgt sich mit Dauer.» ’Tschuldigung, die Statistik redete doch von Ehe, nicht von Liebe?

Das ist der Klassiker: Romantik und Ehe, die alte bürgerliche Verwechslung von Liebe und Ehe. Das Bewahren dieser kurz explosiven, danach nur noch abflauenden Schmelze bleibt offenbar ein rosafarbenes Träumli. Selbst im abgefuckten 21. Jahrhundert kann es statistische Angaben ... nicht umbiegen, aber mit einem unsachgemässen Groove belegen. Gern erinnere ich nochmals dran: Im bayrischen Ehe lagen zermatschte Birnen auf der Strasse. Nicht aber Äpfel. Wenn man nicht einmal in Ehe Äpfel mit Birnen vermanscht, dann sollte man es ausserhalb erst recht nicht tun.

Ehe ist Ehe. Und da werden offenbar neuerdings weniger Ehen geschieden. Und Liebe ist ... ja, weiss der Himmel. Es dürften sich nach wie vor weit mehr Liebesgeschichten in Luft auflösen als Ehen. Mehr oder weniger alle. Ehe mag von Dauer sein ... Vorsicht: durchschnittlich wieder etwas dauerhafter. Liebe hingegen bleibt von Natur aus flüchtig. Wohlgemerkt: die «romantische Liebe», worüber die Statistik nichts besagt. Zum Besseren im Menschen gehört die Fähigkeit, fürsorgerische Liebe zu entwickeln. Dauern Ehen länger, wird genau das beim Paar vermutlich geschehen. Daran gibt’s überhaupt nichts zu schmälern; Fürsorge ist die Noblesse des Herzens. Liebe aber, die unter dem Fake-Schokoherz «romantisch» segelt, ist bitter anders.

Bleiben wir beim Besseren: bei der Liebe, die sich nicht sorgt ums eigene Glück, sondern um das Wohl der anderen. Dazu folgende Geschichte: Am Donnerstag wurde ein 85-jähriger Mann zu Grabe getragen. Er war über sechzig Jahre lang verheiratet gewesen. Für eine solche Dauer dienen Juwelen als Metaphern: «Diamanthochzeit». Noch länger ist nur noch die Rede von «Eisen», «Stein» und «Gnade». Wer nicht an Sonntagspredigten glaubt in Bezug auf Ehe, muss sich bloss solche Attribute zu Gemüte führen, und er weiss Bescheid.

Die letzten zwölf Ehejahre hat der Mann bis zur Erschöpfung seine bettlägerige Gattin betreut. Als sie gestorben war, erlebte er noch drei lichte Jahre mit einer alten Bekannten und jetzt neuen Gefährtin. Seine Familie ächtete die späte Freundin nicht wie gewöhnlich, sondern nahm sie am Schluss sogar auf in die Traueranzeige. Das zeigt: Es gibt auch neben der «Liebe des Lebens» immer noch Raum für «etwas anderes», für ein «nächstes Kapitel». Der gute Umgang aller miteinander, nicht zuletzt die Fürsorge der Eheleute bei Kindern und Enkeln, wirkte jedoch stetig im Guten, am Ende auch zugunsten der Geliebten.

Drama, Krise, Konflikte – immer sollte das Wohl der anderen das «Krisenmanagement» bestimmen, bei Eheleuten das Wohl der Kinder. Aus Einsicht, Vernunft und Erfahrung. «Romantische» Liebe aber ist heilige Flamme, Illumination, sprich: Wahnsinn. Vermischt das nie wieder! Sollte eine Statistik einmal mehr den Traum beschwören, dass sich Feuer und Ehe amtlich je verbinden lasse – es bleibt Schimäre.