Hyperosmie hat, wer zu gut riecht. So gut, dass das Riechen intensiver Düfte Kopfweh und Schwindel, ja sogar Angst auslösen kann. An Hyperosmie leide ich zum Glück nicht, doch mein Geruchssinn ist überdurchschnittlich stark ausgeprägt. Das weiss ich, seit ich als Teenager in der südfranzösischen Stadt Grasse, auch bekannt als die Stadt des Parfüms und Schauplatz des berühmten Romans von Patrick Süskind, einen rudimentären Geruchstest machte. Alle mir unter die Nase gehaltenen Gerüche konnte ich zuordnen, was mir ein «Comme une professionnelle!» vom Parfümeur und den Stolz meiner Eltern einbrachte.

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Gerüche. Marzipan, Bratwürste, Zimt überall. Feine Nasen erleben in diesen Wochen eine olfaktorische Reizüberflutung. Es wird besinnlich die Nase gerümpft.

Die Freude an all den würzigen Düften verging mir in dieser Saison im Empfangsraum eines Kosmetikstudios. Dort sass ich kürzlich. Dreissig Minuten lang wartete ich auf meinen Termin, während vor mir eine Duftkerze, Note «Glühwein» oder «Weihnachtsmarkt» oder wie diese künstlichen Kreationen auch heissen mögen, brannte. Durch den Mund atmend dachte ich an die Unholde, die so etwas herstellen. Und an die Menschen mit Hyperosmie.