Bildung

Berufslehre und Gymnasium: Lernen unter einem Dach

Im Zürcher Oberland wird eine Idee reanimiert, die Bildungsfachleute seit Jahrzehnten immer wieder beschäftigt: Wo gibt es sinnvolle Austausch- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Berufslehre und Gymnasien?

Schon bald beziehen in Uster die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und Berufslernenden ihr neues gemeinsames Schulhaus. Unter einem Dach wollen sie und ihr Lehrpersonal fortan ihren Schulalltag verbringen. Wechselseitig wollen sie verschiedene Kulturen und Mentalitäten kennen lernen.

Und dabei Chancen und Schwierigkeiten im Zusammenleben erfahren: Vom gemeinsamen Chorgesang über Freifächer für alle in Robotik und Automatik, eine vielfältige Mediothek bis hin zur allseits offenen Dreifachsporthalle und Mensa. Angestrebt wird damit eine zeitgemässe Lern- und Schulgemeinschaft von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und Berufslernenden im gleichen Haus. Mit einer gemeinsamen Schulkultur.

Im Zürcher Oberland wird dabei eine Idee reanimiert, die Bildungsfachleute auf Kantons- und Bundesebene schon seit Jahrzehnten immer wieder beschäftigt: Wo gibt es sinnvolle Austausch- und Kooperationsmöglichkeiten zwischen Berufslehre und Gymnasien? Und wie lässt sich ihre tradierte und oft unselige Trennung überwinden? Mit mutigen Taten statt mit schönen Plänen!

Doch mittlerweile ist durch den weltweit vernetzten und beschleunigten Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft auch das schweizerische Konzept der getrennten nachschulischen Allgemeinbildung und Berufsbildung fragwürdig geworden.

So sieht sich etwa die bislang auf gewerbliche und industrielle Fertigkeiten und Verfügungswissen ausgerichtete Berufsbildung mit orientierend-allgemeinen und abstrakten Kompetenzanforderungen der internationalisierten Arbeitswelt konfrontiert. Dabei gewinnen in erster Linie Fremdsprachen, logisch-analytisches Denken und das Verstehen von komplexen technischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhängen an Bedeutung.

Gleichzeitig sehen sich aber auch die Gymnasien mit ihrer Definition der Studierfähigkeit,
ihrem Typenangebot, ihren fachlichen Schwächen (Mint-Bereich) und fragwürdigen Fachgewichtungen dem wachsenden Druck von mehr praxisorientierten Hochschulen ausgesetzt.

Auch diese hatten sich in letzter Zeit auf neue, meist interdisziplinäre Kompetenz- und Expertenfelder hin auszurichten. Mit entsprechend anderen Aus – und Weiterbildungsanforderungen (Finanz- und Versicherungswesen, Health-/ und Care-Bereich, Mobilität und Migration sowie Nachhaltigkeit und Digitalisierung).

Eine Folge dieser grenzüberschreitend- komplexen Entwicklungen ist die zunehmende Vermischung von allgemeiner und beruflicher Bildung – und damit von theoretischem Orientierungs- und praktischem Verfügungswissen. Verstärkt wird diese Tendenz zur Verschmelzung von Allgemein- und Berufsbildung zusätzlich durch die im Grenzbereich neu geschaffenen Fachmittelschulen (FMS) mit grosser Allgemeinbildungskomponente und mehreren fachlichen Profilbereichen zugleich, die mit eine Fachmaturität ergänzt werden können.

Trotz dieser offensichtlichen Entwicklung scheinen Bund und Kantone weiterhin gewillt, verfassungsmässig und institutionell an der Trennung von Allgemeinbildung und Berufsbildung festzuhalten. Jüngstes Beispiel dafür sind die laufenden Zukunftsarbeiten, die beide je separat für sich angegangen worden sind.

Einerseits machten sich die Gymnasien bereits seit 1995 schweizweit auf den Weg in die Zukunft. Vorerst mit den Projekten zur Evaluation der gymnasialen Maturität EVAMAR I(Umfrage) und EVAMAR II (Qualitätsuntersuchung) sowie mit den Empfehlungen einer Fachgruppe (Plattform Gymnasium PGYM von 2008).

Im Bereich der Berufsbildung anderseits haben die Verbundspartner – Bund, Kantone und Organisationen der Arbeitswelt OdA – den Strategieprozess «Berufsbildung 2030» vor kurzem in Gang gesetzt. Mit ihm sollen Antworten auf die Megatrends in den zukünftigen Arbeits- und Gesellschaftsbereichen gefunden werden. Vor kurzem entstand daraus ein gemeinsames Leitbild «Berufsbildung 2030», das aus zehn strategischen Leitlinien mit Bereichen und Zielen besteht. Ihnen entlang soll der Weg in die Zukunft führen.

Das ist erstaunlich, denn die neuen Bildungsartikel in der Bundesverfassung von 2006 basieren primär auf der Idee eines zukünftig innerlich abgestimmten und durchlässigen Bildungsraumes Schweiz. Sie erfordern aber auch, dass die einzelnen Stufen und Bereiche jeweils auch ihre Zukunftspläne und -projekte aufeinander abzustimmen haben! Wie es, notabene, aktuell und im Kleinformat die Region Uster auf der Sekundarstufe II beispielhaft vormacht.

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