Geht das so weiter, fährt das Gesundheitssystem an die Wand, warnt ein Kassenchef. Er bezieht sich auf den alarmistischen Befund einer Studie von Experten des Beratungsunternehmens EY. Diese schätzen, dass die Gesundheitskosten bis 2030 um über 60 Prozent ansteigen werden – mit entsprechenden Folgen für die Prämien.

Halte deren Wachstum unvermindert an, schreiben die EY-Berater, werde es grossen Teilen der Bevölkerung in Zukunft nicht mehr möglich sein, die Prämien der obligatorischen Krankenversicherung zu tragen.

Prämien haben sich innert 20 Jahren glatt verdoppelt

Unrealistisch ist dieses Szenario nicht. Das zeigt ein Blick zurück: Zwischen 1996 und 2016 verdoppelten sich die Prämien glatt. Sie sind ein Abbild der Kosten. Die stiegen Jahr für Jahr im Schnitt um 4,6 Prozent.

Dies war bei der Helsana-Gruppe auch im vergangenen Jahr der Fall, sagte Konzernchef Daniel Schmutz während der Präsentation des Geschäftsergebnisses (siehe rechts). Allein die Ausgaben für ambulante Behandlungen von Ärzten legten um 5,2 Prozent zu, die von Spitälern mit 7,8 Prozent.

Ambulante Leistungen rechnen Mediziner gemäss Tarmed ab. Die so abgerechneten Leistungen verdoppelten sich gemäss Zahlen des Krankenversicherungsverbands Curafutura zwischen 2006 und heute um gegen 5 auf mehr als 10 Milliarden Franken. Dem Krankenversicherungsverband gehören die CSS, die Helsana, die Sanitas und die KPT an.

Der Tarmed ist veraltet. So weit sind sich alle einig. Das führt dazu, dass für gewisse Behandlungen zu viel verrechnet werden kann. Hier ist noch viel Luft drin. Unter anderem berücksichtigt die Tarifstruktur den Zeitgewinn nicht, den neue Technologien möglich machen. Fliessen diese Produktivitätsgewinne in die Abrechnungen ein, werden Behandlungen von Spezialisten wie Augenärzten oder Radiologen massiv günstiger.

Über die längst fällige Erneuerung der Tarifstruktur diskutieren Curafutura, Ärzte und Spitäler seit längerem. Allerdings ohne Erfolg. Ärzte wehren sich gegen Eingriffe in ihre Pfründe. Sie wollen mehr. Die Verhandlungen zwischen den Tarifpartnern sind daher gescheitert. Deswegen ist nun Bundesrat Alain Berset am Zug.

Dessen Departement des Innern schlägt dem Bundesrat vor, Tarifeingriffe vorzunehmen. Entsprechende Vorschläge sollen in der ersten Jahreshälfte in die Vernehmlassung gehen. Es eilt. Sonst können Krankenversicherer allfällige Einsparungen bei den Ausgaben für ambulante Behandlungen nicht in ihre Prämieneingaben für 2017 einrechnen.

Dabei geht es um viel Geld: Curafutura hat dem Bundesrat Eingriffe ins Tarifgefüge unterbreitet, die Einsparungen von 600 Millionen Franken möglich machen. Das entspricht zwei Prämienprozenten.

Die Frage ist nun: Traut sich Alain Berset, den Halbgöttern in Weiss richtig auf die Füsse zu treten und zumindest diese Einsparungen auch durchzusetzen? Schnell. Dann müssen die Prämien im kommenden Jahr um zwei Prozent weniger erhöht werden. Populär ist das nicht. Die Ärzte werden alle möglichen Hebel in Bewegung setzen, um einen solchen Eingriff abzuwehren: Doch diesen Aufschrei gilt es zu überhören.

An der Finanzierung rumzuschnipseln, schenkt nicht ein

Es kann ja nicht sein, dass Ärzte weiterhin auf Kosten der Prämienzahler von einem veralteten Tarif profitieren. Schliesslich sind es nun mal die Kosten, welche die Höhe der Prämien bestimmen. Doch bis anhin beliessen es die Politik und auch Bersets Departement des Innern respektive das Bundesamt für Gesundheit (BAG) oft damit, an der Finanzierung rumzuschnipseln.

So versucht das BAG, die Prämienregionen in den Kantonen neu einzuteilen. Das führt dazu, dass Prämien von Einwohnern ländlicher Gemeinden in die Höhe schnellen. Bevorteilt werden Städter, deren Prämien sinken könnten.

Kosten für Behandlungen werden damit nicht eingespart. Gefragt sind mutige Politiker, die hier endlich Gegensteuer geben.