Gastkommentar

Befehle von oben nach unten sind passé – zur Digitalisierung in der Arbeitswelt

Stefan Studer HO

Stefan Studer HO

Stefan Studer, Geschäftsführer des Dachverbands Angestellte Schweiz, schreibt in seinem Gastkommentar, punkto Digitalisierung in der Arbeitswelt sei ein Umdenken angesagt.

Das Thema Digitalisierung bzw. deren Folgen für die Arbeitswelt und die Gesellschaft scheinen derzeit allgegenwärtig. Die Konklusionen der zahlreichen Studien und Artikel zur Digitalisierung widersprechen sich diametral. Vielleicht am augenfälligsten unterscheiden sich die Befunde bei der Frage, die uns alle umtreibt: Vernichtet die Digitalisierung massiv Arbeitsplätze oder schafft sie neue?

«Die Bedrohung von Arbeitsplätzen fällt voraussichtlich deutlich geringer aus als das technische Automatisierungspotenzial», lautet der Schluss in einem Bericht der deutschen Bundesregierung, der wenig später aber relativiert wird: «Nicht so klar ist jedoch, wie schnell und umfassend technologische Entwicklungen zum Verlust von Arbeitsplätzen führen werden und welche Arbeitsplätze dies genau betreffen wird.» Dieser vorsichtig positiven Betrachtungsweise stehen Horrorvisionen prominenter Vertreter aus dem Silicon Valley entgegen.

Klar ist: Die Digitalisierung wird die Arbeitswelt radikal verändern und damit uns Menschen und die Gesellschaft. Aber wie unsere Arbeitsplätze in 10 oder 20 Jahren aussehen werden, darüber herrscht Ungewissheit. Das Schlüsselwort heisst künstliche Intelligenz (KI). In der «NZZ am Sonntag» vom 23. Juli sagte Erich Horvitz, Leiter Research bei Microsoft, dass die KI «völlig neue Arten von Jobs» schaffen werde, da die Systeme ständig aktualisiert und verbessert werden müssten. Für diese «schwere Aufgabe» brauche es «eine ganz neue Klasse an Menschen».

Was heisst dies für uns «Normalsterbliche», um in der digitalen Welt bestehen zu können? Bezogen auf die Arbeitswelt, bringt es der Zürcher Arbeitspsychologe Felix Frei auf die Formel: «Digitalisierung setzt auf grösstmögliche Agilität. Die ist nur möglich, wenn Organisationen nicht auf Hierarchie bauen, sondern auf rollenbasierte Netzwerke. Die wiederum funktionieren nur, wenn alle Verantwortung übernehmen. Das schliesslich können sie nur, wenn sie alle auch Handlungsspielraum haben.» Im Klartext heisst dies: Führung kann künftig nicht mehr über Weisungsbefugnis wirken und funktionieren, sie muss überzeugen. Befehle von oben nach unten – das ist passé. Dieses Umdenken ist zentral.

Die Digitalisierung bietet auch Chancen für mehr Selbstständigkeit und Flexibilität in der Ausgestaltung der Arbeit und einer besseren Vereinbarung mit dem Familienleben. Doch auch hier gibt es diametral verschiedene Antworten über die Chancen und Risiken. Eine positive Folge der Digitalisierung könnte auch darin bestehen, dass sie das gemeinsame Handeln und eine Ökonomie des Teilens fördern. «Potenziell», heisst es weiter im erwähnten Bericht der deutschen Regierung, «kann sie jenen neue Chancen bieten, die keinen leichten Zugang zu den regulären Arbeitsmärkten haben, wie älteren Personen, Menschen, die zu Hause Familien und Pflegearbeit verrichten, Behinderten, Bewohnern abgelegener Regionen usw.»

Aufgrund ständiger Erreichbarkeit und dadurch längeren Arbeitszeiten erhöht sich der Stress. Hier gilt es, und das wird eine der zentralen Aufgaben von Arbeitnehmerorganisationen sein, die Balance zwischen Arbeitsschutz und Flexibilisierungsinteressen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu finden. «Eine bessere soziale Absicherung von selbstständig Tätigen ist Voraussetzung für eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz», heisst es dazu aus deutscher Sicht. Aus Deutschland stammt auch die Bezeichnung «Arbeitskraftunternehmer» des Soziologen G. Günter Voss, der den neuen Typus von Arbeitnehmer umschreibt, der genötigt ist, mit seiner eigenen Arbeitskraft wie ein Unternehmer umzugehen.

Dass sich dieser Begriff durchsetzt, glaube ich zwar nicht. Aber er zeigt die Richtung an, wie sich das Verständnis von Arbeit im Zeichen der Digitalisierung wandeln könnte. Was bedeutet das für uns als Arbeitnehmerorganisationen? Auch wir müssen radikal umdenken, um die Herausforderungen der Zukunft im Interesse unserer Mitglieder zu meistern. Wir müssen uns dafür einsetzen, dass die Digitalisierung zur Schaffung von Handlungsspielräumen beiträgt (und nicht zur Einengung).

Der Weiterbildung wird eine strategische Bedeutung zukommen. Sie vermittelt nicht nur neues Wissen und neue Fähigkeiten, um den technologischen Wandel zu schaffen, sondern unterstützt auch die berufliche Mobilität und Flexibilität. Das duale Bildungssystem wird der Schweiz helfen, die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern. Deshalb müssen wir uns dafür einsetzen, dass sich die Rationalisierungsgewinne der Digitalisierung auch in Arbeitszeitverkürzungen niederschlagen.

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