Kolumne

Bankrott der Männlichkeit?

«Männliche sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein No-Go. Niemand darf sie verharmlosen oder gar entschuldigen. Gleichwohl findet man weiblichen Sexismus, innerhalb des eigenen Geschlechts und gegenüber Männern.» (Symbolbild, gestellte Aufnahme)

«Männliche sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein No-Go. Niemand darf sie verharmlosen oder gar entschuldigen. Gleichwohl findet man weiblichen Sexismus, innerhalb des eigenen Geschlechts und gegenüber Männern.» (Symbolbild, gestellte Aufnahme)

Die Männer sind nicht das geworden, was sich die weibliche Gesellschaft von ihnen erhofft hat. Die neueste Sexismusdebatte zeigt, woran sie kranken: Sie begrapschen Frauen, fassen sie am Hintern, winken ihnen aufdringlich zu oder bezeichnen sie gar als Fickstück oder Schlampe.

Kurz: Sie bedrohen Frauen in ihrer sexuellen Integrität. Ähnliches haben sie sich in der berühmten «Silvesternacht von Köln» geleistet. In dieser Nacht wurden Frauen haufenweise von fremden Männern sexuell belästigt, ohne dass ihnen andere Männer zu Hilfe geeilt wären. Seit dann gelten Männer auch als Weicheier. Ist die Männlichkeit somit bankrott? Sind Männer zu lüstern und zu feige, Frauen zu schützen?

Aktuell wird in den Schweizer Medien sehr heiss und sehr einseitig über Sexismus diskutiert. Einseitig, weil seine verschiedenen Facetten nicht berücksichtigt werden. Sexismus wird definiert als Diskriminierung einer Person aufgrund ihres Geschlechts. Dazu gehören Höflichkeitsverletzungen und Frauenverniedlichungskulturen im beruflichen Alltag.

Dass die Debatte auf solche Probleme hinweist und daraus endlich Konsequenzen gezogen werden, ist überfällig. Frauenthemen werden immer noch massiv heruntergespielt und clevere Frauen als ehrgeizige Emanzen dargestellt. Das ärgert mich enorm.

Die Debatte basiert auf einer Abwertung des Männlichen

Aber es geht mir hier vor allem um den anderen Teil des Sexismus, die sexuellen Übergriffe auf das weibliche Geschlecht. Die Debatte hierzu verläuft grundfalsch. Sie basiert auf einer massiv voranschreitenden Abwertung des Männlichen, die so alltäglich geworden ist, dass wir sie kaum noch wahrnehmen.

Ein Beispiel hierfür war kürzlich in den Medien zu lesen: «Liebe Männer, noch nicht verstanden, worum es bei der Sexismus-Debatte geht?» Nicht wenige Frauen stellen Männer grundsätzlich an den Pranger und fahren fast jeden Tag mit neuen Vorwürfen sexueller Belästigung auf.

Wer jedoch ein Weltbild hat, in dem immer Männer die Täter sind und Frauen die Opfer, der unterliegt einer verzerrten Wahrnehmung. Ein Übergriff durch einen Mann bestätigt dann, dass Männer Sexisten seien und jede (JEDE!) Frau solche Erfahrungen mache.

Infolgedessen wird das Konträre – dass viele Männer keine Sexisten sind, Frauen sich aber sehr wohl sexistisch verhalten können – übersehen. In den Sozialwissenschaften bezeichnen wir dies als positivistisches Hypothesentesten, d.h., man schaut nur die Fälle an, welche die Vorannahmen bestätigen.

Die Hälfte aller sexistischen Tweets stammt vom weiblichen Geschlecht

Männliche sexuelle Übergriffe auf Frauen sind ein No-Go. Niemand darf sie verharmlosen oder gar entschuldigen. Gleichwohl findet man weiblichen Sexismus, innerhalb des eigenen Geschlechts und gegenüber Männern. Deshalb ist er ebenso zur Kenntnis zu nehmen, auch wenn der männliche Sexismus viel gravierender ist.

Man höre sich einmal in der Frauensauna oder in Clubs herum, wenn eine andere Frau jünger, hübscher und vor allem schlanker ist. Oder man lese ihre Nachrichten auf Twitter. Die Hälfte aller sexistischen Tweets stammt vom weiblichen Geschlecht. Frauen, die ordentlich Alkohol trinken, um sich schon vor der Party in die richtige Stimmung zu versetzen, betatschen Männer wann, wo und wie sie wollen, und wenn etwas nicht klappt, machen sie Männer verbal fertig.

In der Realität zwischen den Geschlechtern spielen Frauen oft eine undurchsichtige Rolle. Gemäss neuen Forschungsergebnissen ist ihre Ansicht, was Männer begehrenswert macht, noch genau die gleiche wie vor fünfzig Jahren. Ein echter Mann hat ein hohes Einkommen, er ist mutig, verantwortungsvoll, sexuell aktiv – und er kann eine Frau erobern. Andererseits soll er zarter, sensibler und weniger aggressiv sein. Nur wollen Frauen dann solche verweiblichten Männer gar nicht heiraten. Frauenversteher sind zwar ganz nett, aber doch eher nur in Ausnahmefällen.

Frauen haben offenbar zwiespältige Gefühle. Sigmund Freud hat einmal gesagt, in seiner dreissig jährigen Arbeit sei es ihm nicht gelungen, die Frage zu beantworten, was Frauen wollen. Die Sexismusdebatte könnte uns weiterbringen. Aber nur, wenn nicht nur Männer, sondern auch Frauen beginnen, selbstkritischer zu sein und sich nicht weiterhin als Opfer darzustellen. Sexismus, der von Frauen ausgeht, muss ein Thema der Debatte werden. Bisher ist er ein Tabu.

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