Analyse

Bankiers scheuen die Freiheit

Was unterscheidet den Menschen vom Schimpansen?», fragte einst der Berner Troubadour Mani Matter in einem seiner tiefgründigen Lieder. Es seien allein die Hemmungen, die uns daran hindern gewisse Grenzen zu überschreiten, stellte er fest. 45 Jahre nach seinem Tod wird das Lied in der Schweiz auch von den nachkommenden Generationen weiter gehört. Es klingt wie eine Reminiszenz an eine Zeit, in der die Hoffnung in die selbstkritische Erkenntnisfähigkeit des Menschen blühte.

Matters Ermahnung kam in einer Zeit, in der die rigide staatlichen Autorität der Nachkriegsjahre gerade am Aufbrechen war. Es waren bleierne Jahre, die den damaligen Studenten genauso wie den seinerzeitigen Bankern in schlechter Erinnerung sind. Oswald Grübel, der sich als Retter der UBS und der Credit Suisse selber ein Denkmal auf dem Schweizer Finanzplatz schuf, erzählte vor vier Jahren in einem grossen Interview: «Als ich in den Sechzigerjahren bei der Deutschen Bank zu arbeiten anfing, gab es überall in der Finanzbranche diesen Beamtenmief.» Talentierte, kraftvolle und ehrgeizige junge Leute wie er, die nach einem selbstbestimmten Leben trachteten, erlebten ohne Zweifel eine lähmende, ungemein langweilige Zeit. «Erst mit der Globalisierung kam der frische Wind», erinnerte sich Grübel weiter. Über die zwanzig Jahre, die er ab 1971 für die Credit Suisse in London verbrachte, sagte er: «Da konnte man spüren, wie schnell das Geschäft wuchs und die Welt immer kleiner und kleiner wurde.»

Die Erinnerung an alles, was danach kam, ist in den Köpfen der heute noch tätigen Bankergeneration noch frisch vorhanden. Es folgten 15 wilde, hemmungslose Jahre, in denen es den Banken gelang, ihre Regierungen vom Segen einer vollständig deregulierten Finanzbranche zu überzeugen. Im Fahrwasser Amerikas wurden rund um den Globus die Vorschriften gelockert und die Finanzmärkte befeuert. Selbst die Notenbanken liessen sich vor den Karren spannen.

Zum guten Ton gehört, Asche über das Haupt zu streuen

In der Schweiz sind die angriffigen Töne, wie sie die Bankiers vor der Finanzkrise gegenüber der Politik und den Behörden mit aller Selbstverständlichkeit anzuschlagen pflegten, nicht mehr zu hören. Am Donnerstag zelebrierten sie ihren Bankiertag. Das jährliche Treffen unter der Ägide der Schweizerischen Bankiervereinigung war einst die Plattform, auf der die Branche ihre wirtschaftliche Macht demonstrierte, um ihren vielen Forderungen an die Politik mehr Geltung zu verschaffen. Es gab eine Zeit, in der die Schweizer Banken drohten, den Abschluss der heute als unverzichtbar geltenden bilateralen Verträge mit der EU zu torpedieren, wenn die Schengener-Verträge nur schon an der Oberfläche das Bankgeheimnis anritzen könnten. Man kann sich eine derartige Arroganz des Finanzplatzes gegenüber allen anderen Wirtschaftszweigen im Land kaum mehr vorstellen. Heute gehört es zum guten Ton eines Schweizer Bankierpräsidenten, Asche über das eigene Haupt zu streuen.

Das tat am Donnerstag auch Herbert Scheidt, der in Anwesenheit von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann wie schon sein Amtsvorgänger Patrick Odier die vielfältige Mitschuld der Banken an der Finanzkrise Revue passieren liess. Was die im Zug der Krise notwendig gewordene Regulierung anbelangt, stellt der höchste Schweizer Bankier mit Bedauern «Übertreibungen und Masslosigkeit» aufseiten der Behörden fest. Alles, was er daraus ableitete, war die Forderung nach einem einstweiligen «Marschhalt» in der Regulierung.

Die Schweizer Banken predigen den «partnerschaftlichen Dialog» (Scheidt) mit Regierung und Behörden und lassen Donald Trump im Weissen Haus den Deregulierungskanon alleine singen. Warum? Es gibt dafür nur eine plausible Antwort: Die Schweizer Banken haben gelernt, dass ihnen zuviel Freiheit und zuviel Vertrauensvorschuss sehr schlecht bekommen kann. Sowohl im Streit um die vermissten Gelder der Holocaust-Opfer als auch in den noch nicht vollständig ausgestandenen Konflikten um das Bankgeheimnis und nicht zuletzt in den überzogenen internationalen Ambitionen der unterkapitalisierten Grossbanken-Expansion hatten die Banken erschreckend wenig Einsicht und noch viel weniger Weitsicht bewiesen. Diese Erfahrung muss der Grund sein, dass die Branche heute insgeheim froh darüber ist, wenn sie in den Behörden und Politik auf starke Figuren trifft, die ihr in einer komplexeren Welt auch ein Stück Führung versprechen. Die Welt, die einst Mani Matter besang, war eine homogene Welt, in der selbst die Hemmungslosen eine klare Vorstellung von den damals geltenden Normen hatten. In einer globalisierten Welt gilt es diese Normen neu zu verstehen. Wenn die Banken der Freiheit nun mit Scheu begegnen, ist dies gewiss eine gute Lektion aus vergangenen Fehlern. Doch es gibt auch ein Risiko, wie es Grübel in dem besagten Interview treffend beschreibt: «Weil es in Zukunft ganz generell für Regelverstösse drakonische Strafen hageln wird, wird automatisch eine Generation von Bankern herangezüchtet, die alle Regeln kennt und diese pedantisch einhält. Wir gehen also in eine Zeit, in der die Bürokratie aufleben wird.» So sah doch Grübels Welt in den Sechzigerjahren aus, bevor alles begann …

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