Die Operation Libero wählte diese Woche drastische Worte, als sie gegen die «No Billag»-Initiative Stellung bezog: Das Ansinnen, die SRG-Gebühren abzuschaffen, sei «ein Anschlag auf die Demokratie». Man braucht kein «No Billag»-Befürworter zu sein, um die Gleichsetzung der SRG mit der Demokratie für überzogen zu halten. Auch, weil diese Gleichsetzung ein wichtiges Element unseres politischen Systems verkennt: den dreistufigen Aufbau unseres Staates. Demokratie gibt es nicht nur auf der Bundesebene, über welche die SRG-Sender vor allem berichten, sondern auch auf Kantons- und Gemeindeebene. Auch sie kommen in den Beiträgen der SRG vor, aber eher punktuell als umfassend. Was kein Vorwurf an die SRG ist, denn mit ihrem nationalen Fokus kann sie nicht über jede Stadtpräsidenten- oder Einwohnerratswahl informieren.

Diese Aufgabe übernehmen in unserem Land vorwiegend die privaten Zeitungen und deren Online-Portale. Wer sonst bildet das politische, kulturelle, wirtschaftliche und sportliche Leben in Tälern, Städten und Dörfern ab? Wer sonst liefert die umfassenden Informationen, die zur Meinungsbildung der Bürgerinnen und Bürger beitragen, wenn sie auf Kantonsebene oder an der Gemeindeversammlung über wichtige Projekte abstimmen? Zu behaupten, dass ohne Zeitungen in den Kantonen und Gemeinden die Demokratie abgeschafft würde, wäre ebenfalls überzogen. Aber sie spielen für die Meinungsbildung zweifellos eine zentrale Rolle, was gerade im «No Billag»-Gefecht oft vergessen geht.

Die Zeitungen sind nicht, wie die SRG, durch eine Volksinitiative infrage gestellt, sondern durch Marktentwicklungen und die Digitalisierung. Die Werbung fliesst ins Internet, und in der jungen Generation sind viele Menschen nicht mehr bereit, für ein Abonnement Geld auszugeben, wenn sie nicht müssen. In den USA müssen darum bereits ganze Regionen und Städte ohne Zeitung auskommen.

Bei uns ist es besser. Denn vor einem Vierteljahrhundert haben die Zeitungen begonnen, zu kooperieren oder zu fusionieren. Im Aargau beispielsweise wären das «Badener Tagblatt» und das «Aargauer Tagblatt» im Alleingang kaum überlebensfähig gewesen, durch den Zusammenschluss vor nunmehr 20 Jahren erreichte die neue «Aargauer Zeitung» aber die kritische Grösse, um gegen die mächtige Konkurrenz aus Zürich und Bern zu bestehen.

Diese Woche ist die Medienkonzentration weiter fortgeschritten: Die AZ Medien und die NZZ-Mediengruppe gaben ihre Absicht bekannt, ein gemeinsames Medienunternehmen zu gründen, in das ihre 20 Zeitungen (darunter die «Schweiz am Wochenende»), die Onlineportale und mehrere Radio- und Fernsehsender eingebracht werden. «Zusammen sind wir stärker», sagten AZ-Verleger Peter Wanner und NZZ-Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod. Ihre Logik: Synergien nutzen, Kräfte bündeln und so die Mittel für Investitionen freimachen, die nötig sind, um die regionale Berichterstattung und Qualitätsjournalismus auch im Überregionalen zu sichern – gedruckt und digital. Dieselbe Logik spielt bei der Tamedia und auch bei der SRG, die Redaktionen zusammenlegen.

Peter Wanner: «Versuche, die DNA eines Familienunternehmens einzubringen»

Peter Wanner: «Versuche, die DNA eines Familienunternehmens einzubringen»

Die AZ Medien und die NZZ-Mediengruppe führen ihr regionales Mediengeschäft in einem Joint Venture zusammen. Peter Wanner wird VR-Präsident des neuen Unternehmens, die Verlegerfamilie Wanner ist zu 50 Prozent an dem Joint Venture beteiligt.

Solche Kooperationen und Zusammenschlüsse rufen regelmässig Politiker auf den Plan, die einen Verlust an Meinungsvielfalt beklagen. Allerdings ist dieser Verlust, der ja nur die überregionale Berichterstattung meint, relativ: Die meisten Bürger lesen entweder die «Aargauer Zeitung», die «bz Basel» oder das «St. Galler Tagblatt» – und nicht alle drei. Wenn diese einen einheitlichen Ausland- und Inlandteil haben, ändert sich für die wenigsten Leser etwas. Doch aus einer nationalen Optik trifft es zu: Die Vielfalt leidet.

Letztlich geht es um einen Zielkonflikt: Will man möglichst viele komplett unterschiedliche Zeitungen – oder möglichst gute, regional verankerte Zeitungen? Vielfalt und Qualität stehen im veränderten Markt in einem gewissen Widerspruch. Die Bündelung von Kräften fördert die Qualität, weil mit grösseren Teams bessere Recherchen und Einordnungen möglich sind. Zugleich mindert sie die (überregionale) Vielfalt. Aber – und das ist entscheidend: Die Bündelung ermöglicht erst, dass die Regionalredaktionen weiterhin finanziert werden können. Die Kantons- und Lokalteile bleiben auch in den grossen Zeitungsverbünden eigenständig. Der Regionaljournalismus gewinnt an Bedeutung in einer Zeit, in der nationale und internationale Informationen im Internet gratis verfügbar sind.

Allianzen wie diejenige zwischen den AZ Medien und der NZZ-Mediengruppe sind langfristig gesehen die Voraussetzung dafür, dass von Grenchen über Allschwil und Dietikon bis nach St. Gallen weiterhin starke, substanzielle Regionalbünde erscheinen. Dass, wie in den USA, ganze Regionen ohne eigene Zeitung dastehen, darf bei uns nicht geschehen. Indem die Verlage zusammenarbeiten, stellen sie sicher, dass alle Regionen journalistisch gut abgedeckt bleiben. Das ist auch aus demokratiepolitischer Sicht zentral.