Auswanderer

Auslandschweizer – Schweizer im Ausland

Wie sind wir Schweizer wirklich? Konservativ oder unkonventionell? Langweilig oder trinkfest? Oder ein bisschen von allem?

Wie sind wir Schweizer wirklich? Konservativ oder unkonventionell? Langweilig oder trinkfest? Oder ein bisschen von allem?

Wie sind wir Schweizer wirklich? Ein Gastbeitrag von Schriftstellerin Milena Moser.

Meine Tischnachbarin Kate hatte sich regelrecht an meine Seite gedrängt, als sie hörte, wo ich herkomme. «Ich liebe die Schweizer», rief sie. «Man macht sich ja ein ganz falsches Bild von euch. Man hält euch für konservativ, ein wenig steif, ordentlich, pünktlich – langweilig halt, nichts für ungut. Aber das stimmt ja gar nicht!» Denn Kate hatte mit ihrer Familie in Israel und in Brasilien gelebt, in Alaska und in Florida. Und überall hatte sie weltoffene, unkomplizierte Auslandschweizer kennen gelernt. «Und erst noch trinkfest, lustig und unkonventionell!» Sie schaute mich einen Moment lang prüfend an. Ich sagte nichts. Sie nickte: «Andererseits habe ich ja nur Schweizer kennen gelernt, die die Schweiz verlassen haben. Hmmm . . .»

Wie sind wir Schweizer wirklich? Konservativ oder unkonventionell? Langweilig oder trinkfest? Oder ein bisschen von allem? Und wenn wir schon dabei sind – sind wir Schweizer denn alle gleich?

Ich selber halte mich ja nicht unbedingt für eine typisch schweizerische Schweizerin – bis ich die Schweiz verlasse. Dann brechen all die klischeehaften Schweizer Eigenschaften aus mir heraus, und zwar ausgerechnet die, die ich am wenigsten vermisse. Zum Beispiel, wenn ich auf meinem Morgenspaziergang von Hunden umzingelt werde. Trotz der Schilder überall, auf denen klar und deutlich geschrieben steht: «Hunde an die Leine nehmen.» Drei-, fünf-, zehnmal täglich unterdrücke ich dieses rechthaberische «He, Sie da! Das macht man nicht!», unter dem ich selber so oft gelitten habe. Stimmt es also, was man hier sagt? «You can take the girl out of Switzerland, but you can’t take Switzerland out of the girl?» Ist die Schweiz in mir, in uns verankert, egal wie weit wir uns geografisch und kulturell von ihr entfernt haben?

Neulich war ich bei einem Paar eingeladen, das die Schweiz vor fast vierzig Jahren verlassen hat. «Zu Hause hätte ich es nie so weit gebracht wie hier», sagte der erfolgreiche Geschäftsmann, der sich lange vor dem offiziellen Pensionsalter aus dem Berufsleben zurückziehen konnte. «Ich war nämlich ein echter Schulversager, em Tüüfel abem Charre gheit!»

Es gab Kopfsalat mit weisser Sauce und Käsewähe. «Schmeckt das nicht genau wie in der Schweiz?» Zuvorkommend erklärte man mir, wo ich die Zutaten dafür finden könne, in welchem Laden, unter welchem Namen. Ich hörte höflich zu, obwohl ich kaum Zeit habe, die Schweiz und ihre kulinarischen Spezialitäten zu vermissen. Schliesslich besuche ich die alte Heimat sicher zweimal pro Jahr und kann allfällige Gelüste nach Kägi-Fret und Rivella vor Ort stillen.

«Und ihr?», fragte ich. «Wie oft geht ihr zurück?»

«Wir? Nicht, seit meine Mutter gestorben ist. Das ist über zehn Jahre her . . .»

Das höre ich oft. Die wenigsten Auslandschweizer, die ich hier kennen gelernt habe, fliegen regelmässig zurück. Die einen können sich die langen Flüge, den Arbeitsausfall schlicht nicht leisten, die anderen . . . wollen nicht. Doch was immer sie in der Schweiz zurückgelassen haben, alte Verletzungen, zerbrochene Beziehungen, berufliches Versagen, hindert diese Auswanderer nicht daran, ihr Heimatland zu idealisieren. Je länger jemand weggeblieben ist, desto idyllischer wird die Erinnerung. Nur selten erkenne ich meine Heimat in den romantischen Beschreibungen eines Landes ohne soziale Probleme oder Kriminalität wieder, in dem einem mit Anstand und Ehrlichkeit begegnet wird, in dem die Kinder barfuss und durch blühende Blumenwiesen zur Schule gehen . . .

Ich habe es aufgegeben, diese schwärmerischen Vorstellungen zu korrigieren, seit ich einmal deswegen fast Streit mit einer Freundin bekommen hätte, die sich über die vielen Ausländer in der Schweiz beklagte. Sie, die sich hier vehement gegen die rassistischen Äusserungen und Massnahmen des amtierenden Präsidenten wehrt, fast jedes Wochenende demonstrieren geht. In Amerika kämpft sie für die Rechte der Einwanderer – aber um die Schweiz ihrer Kindheit möchte sie am liebsten eine Mauer bauen . . . Doch auch ich, die ich mir einbilde, die Schweiz etwas realistischer zu sehen, schwärme hier von den Dingen, die ich früher für selbstverständlich genommen habe. Mein Wahlrecht zum Beispiel. Die direkte Demokratie.

Mein Sohn meint, ich sei schlecht assimiliert. Weil ich weiterhin mit Landsleuten verkehre, Schweizerdeutsch spreche, Veranstaltungen der Schweizer Botschaft besuche. «Mama», sagt er. «In der Schweiz würdest du damit nicht durchkommen!»

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