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Auf Vorrat und für andere vorsichtig sein – das fällt schwer: Diese Pandemie ist eine Zumutung für uns alle

Maske tragen, Abstand halten, die Hygieneregeln befolgen: Das gilt auch weiterhin.

Maske tragen, Abstand halten, die Hygieneregeln befolgen: Das gilt auch weiterhin.

Sie kleinzureden ist ein Reflex, dem wir widerstehen sollten. Sich mit den Zahlen und Berichten auseinanderzusetzen hilft, die einschneidenden Veränderungen besser tragen zu können.

«Hört auf mit dieser täglichen Panikmache», schreiben uns Leserinnen und Leser und meinen damit die Veröffentlichung der täglichen Infektions-, Hospitalisation- und Todesfälle. Es sei eine Zumutung morgens lesen zu müssen, dass in einem Altersheim 14 Menschen mit Covid-19-Infektionen gestorben seien, monieren andere.

Ja, diese Pandemie ist eine Zumutung, in jeglicher Hinsicht. Sie ignorieren und kleinreden zu wollen, sich nicht mehr damit zu befassen, in der Hoffnung, dass dann alles beim Alten bleibt, ist aber kindlich und falsch. Kinder hält man manchmal die Wahrheit vor, weil man glaubt, dass es besser für sie wäre. Ist aber selbst bei Kindern kompletter Humbug. Aus der Psychotherapie kennt man das Reaktionsmuster, das Menschen ergreift, wenn sie in eine Krise schlittern.

Erst wenn die Verdrängungsstrategie nicht mehr funktioniert, fange wir an, uns richtig damit auseinanderzusetzen

Zuerst ist da grosse Angst und Hilflosigkeit und weil diese beiden Gefühle nicht lange auszuhalten sind, setzt als Abwehrreaktion die Verleugnung und Bagatellisierung ein. Was nicht sein darf, kann nicht sein. Alles nicht so schlimm, niemand stirbt an Covid-19, höchstens mit Covid-19 und es ist nicht schlimmer als eine Grippe. Erst wenn diese Verdrängungsstrategie nicht mehr funktioniert, erst wenn das Leiden und die objektive Gefahr nicht mehr abzustreiten ist, beginnt man sich wirklich auseinanderzusetzen. Oft ist es dann schon arg spät.

Es ist ähnlich wie beim Klimawandel

Denn die Verdrängungsstrategie funktioniert erstaunlich lange – selbst bei rekordhohen Infektionszahlen waren noch im Oktober landesweit keine grossen Verhaltensänderungen erkennbar. Denn das Virus macht uns keine Angst mehr, wie in der ersten Welle im Frühling. Die meisten von uns werden es überleben, die Jungen sowieso. Die erlösende Impfung scheint in Sichtweite. Auch darüber wird viel berichtet. Und das ist gut so.

Doch mit der Eigenverantwortung happert es. Auf Vorrat und für andere vorsichtig zu sein, das fällt schwer. Das sieht man auch beim Klimawandel. Obwohl ihn kaum noch jemand ernsthaft verleugnet, sind wir unfähig, freiwillig unsere Konsum- und Lebensgewohnheiten zu verändern. Zu schmerzhaft der Verzicht, zu anstrengend die Veränderung, zu wenig greif- und erlebbar ist noch die Gefahr.

Als die Schwyzer aufhörten zu jodeln und jassen

Bei Corona ist das nicht anders. Erst als die die Hospitalisierungen und Todesfälle auch in die Höhe kletterten, tat sich was bei Behörden und Bevölkerung. Dass es so kommen musste, war zwar rein rechnerisch so absehbar wie, dass 1 + 1 gleich 2 ist, aber die Hoffnung stirbt zuletzt, dass es eben doch nur 1.5 geben könnte. Erst als die Direktorin und der Chefarzt des Schwyzer Kantonsspital in einem Video erklärten, dass sie bald keine Intensivbetten mehr frei hätten und es vielen Covid-Patienten «wirklich schlecht gehe», erst da haben die Schwyzer aufgehört gemeinsam zu jodeln und jassen.

Man könnte auch von einem «Angst-Koeffizient» sprechen, der erreicht sein muss, damit die Verdrängungsstrategie aufgegeben und das eigene Verhalten angepasst wird. Sei es durch einen Covid-19-Erkrankung im nächsten Umfeld, sei es durch 10'000 Infektionen pro Tag oder eben auch durch Medienmeldungen wie den Toten im Altersheim, dem Interview mit dem überlastetem Chefarzt im Spital, der Reportage aus dem Krematorium im Wallis. Diese Berichte sollen nicht Panik schüren, sie schauen nur dorthin, wo es gerade brennt. Sie sorgen dafür, dass das Virus, das niemand von Auge sehen kann und hoffentlich nicht alle am eigenen Körper spüren müssen, nicht aus den Köpfen verschwindet. Das ist eine der Aufgaben der Medien und das ist manchmal eine Zumutung, weil die Welt eine ist.

Von uns wird in den tiefen Grundfesten unseres sozialen Wesens eine riesige Einschränkung gefordert. Das halten wir nur durch, wenn wir uns die Zahlen und Berichte immer wieder vor Augen halten, wenn wir den Ärzten und Wissenschafterinnen zuhören, statt sie als Panikmacher zu verschreien.

Autor

Katja Fischer De Santi

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