Gibt es eine Rangliste von Handlungen und Tätigkeiten, die nach moralischen Kategorien organisiert ist? Oder ist – um die Dinge beim Namen zu nennen – Lügen und Betrügen weniger schlimm als der Versuch, einfach ein bisschen Verwirrung zu stiften? So formuliert, würde man kaum zustimmen. Aber die Empörung über die zuletzt bekannt gewordenen Missetaten der Automobilindustrie könnte doch auf das Gegenteil verweisen. Tier- und gar Menschenversuche habe es noch gegeben, haben die Medien berichtet. Affen wurden in einen Käfig gesperrt und in ihre Atemluft die von einem VW Beetle und einem älteren Ford-Modell abgegebenen Abgase gemischt. Und gesunde junge Menschen wurden einer Konzentration von Stickstoffoxiden ausgesetzt, die zum Teil über dem Grenzwert (0,5 ppm) lagen (0, 0,1, 1,0 und 1,5 ppm).

Ziel dieser Studien, die auf Umwegen von den Automobilkonzernen in Auftrag gegeben und finanziert wurden, war es, Verwirrung zu stiften. Wenn die Wissenschaft davor warnt, dass selbst kleine Konzentrationen von Stickstoffoxiden die Gesundheit schädigen könnten, sollten diese Studien zeigen, dass dem nicht so war. Und man fand denn auch nichts Beunruhigendes. Was niemanden überraschen wird. Zur Sicherheit (der Affen) hatte man für den Versuch auch einen extra präparierten Beetle hingekarrt.

Weil man es noch nicht so genau weiss, darf man noch nichts machen

Das ist nichts anderes als gängige Praxis. Man kennt es zum Beispiel von der Tabakindustrie. «Rauchen ist schädlich», die Einsicht setzte sich langsam durch. Die Tabak-Multis versuchten gar nicht erst, das zu widerlegen. Ihre Absicht war vielmehr, die Sache so hinzustellen, dass man noch nicht genügend wisse. Es bestünden noch Zweifel, es würde keine wissenschaftlichen Daten geben, die harte und für die Industrie empfindliche politische Massnahmen rechtfertigen würden. Wir kennen die Methode. Nichts Genaues weiss man nicht. Also lieber nichts machen.

Die Sache mit den Affen und jetzt gar noch mit Menschen habe alles für VW und Co. «noch schlimmer» gemacht. Dass man bei den Abgas-Tests geschummelt hat, war offenbar moralisch weniger fragwürdig. Natürlich ist beides dem Enthusiasmus geschuldet, den sich die Branche für ihr «Clean-Diesel»-Schema selbst aufgebaut hat. Da durfte nicht sein, was nicht sein sollte.

Menschenversuche – der Begriff ist belastet. In den KZ haben Nazi-Wissenschafter Experimente durchgeführt ohne Rücksicht auf Gesundheit und Leben der Versuchspersonen. Das lässt begreiflicherweise alle moralischen Alarmglocken schrillen. Nur: Spätestens seit der Renaissance ist die Wissenschaft experimentell. Irgendwann muss der Versuch am Menschen gemacht werden. Was nicht heisst, dass die Therapien sofort besser geworden wären. Noch lange hat man auf der Grundlage der antiken Säftelehre Patienten mit Aderlässen «zu heilen» versucht.

Feiglinge machen Menschenversuche, Helden machen Selbstversuche

Bis die experimentelle Praxis der neuen Theorie gefolgt war, dauerte es. Man weiss von den Experimenten mit den Zitronen, welche die Seeleute vor Skorbut schützen sollten. Die waren erstens erfolgreich und zweitens harmlos. Anders lag der Fall, als man sich an die Verursacher von Infektionskrankheiten herantastete. Tiere krank und gesund machen war doch nicht ganz dasselbe wie der Versuch am Menschen. Wer überzeugt war, dass seine Theorie richtig war, trat auch den Tatbeweis an. Edward Jenner, der die Pockenimpfung auf breiter Basis einführte, schreckte nicht vor Versuchen mit seinem 11 Monate alten Sohn zurück. Max (von) Pettenkofer glaubte nicht an den von Robert Koch entdeckten Cholera-Erreger. Er trank ein Glas davon – und erkrankte nicht, obwohl er falsch lag.

Richtig und falsch lag der Amerikaner Thomas Midgley. Er erfand den FCKW-Kühlstoff, der die Sicherheit von Kühlschränken markant steigerte. Zum Beweis, dass er nicht giftig und nicht brennbar sei, atmete er eine Lunge voll ein und blies dann eine Kerze aus. Für Organismen ist FCKW direkt nicht schädlich, in der Atmosphäre allerdings schon. Falsch lag er, als er Motorenabgase einatmete. Er hatte die Beigabe von Tetraäthylblei erfunden, welche Motoren «klopffrei« machte. Nur unschädlich war die Sache nicht. Ein Jahr lang brauchte Midgley, bis er die erlittene Bleivergiftung wieder kuriert hatte.

christoph.bopp@azmedien.ch