Vor einigen Wochen haben wir über Fälle von behördlich abgesegnetem Abriss von historischer Bausubstanz und sorglosem Umgang mit schützenswerten Ortsbildern geschrieben. Aufhänger war der geplante Abriss einer Häuserzeile am Rand der Brugger Altstadt. Während in jenem Fall Teilerfolge zu vermelden sind (das Kupperhaus darf vorderhand stehen bleiben), ist diese Woche ein neuerlicher (geplanter) Sündenfall bekannt geworden, diesmal in Rheinfelden: Das Areal nördlich des Bahnhofs, mit dem unter kommunalem Schutz stehenden Bahnhofsaal, hat die Hand gewechselt. Es gehört jetzt einem Immobilienfonds mit Sitz in Lausanne. Dieser plant an der topzentralen Lage, man ahnt es, eine Überbauung vorab mit Mietwohnungen. Die Zukunft des Bahnhofsaals ist «ungewiss».

Rheinfelden ist heute mit 13'400 Einwohnern die sechstgrösste Gemeinde des Aargaus. Politisch hat es sich bisher einem Stadtparlament verweigert und führt zweimal jährlich eine «Gmeind» durch – im Bahnhofsaal. Doch das ist nicht der einzige Grund, weshalb sich uns beim Lesen dieser Meldung die Nackenhaare sträuben. Rheinfelden hat 2016 den Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes gewonnen. In der Laudatio hiess es, die Stadt fröne dem Motto «Wachstum ja, aber mit Qualität». Zu würdigen gelte es «die vorausschauende städtebauliche Strategie und den sorgfältigen Umgang mit dem historischen Stadtkern». Okay, den Preis hat man. Okay, der Bahnhofsaal liegt nicht im historischen Stadtkern. Okay, man kann nicht alles stehen lassen. Trotzdem.

Rheinfelden verlöre mit dem Wegfall des Bahnhofsaals zweierlei. Einerseits einen Bau, der unter kommunalem Schutz steht. Das heisst: Die Stadt hat sich verpflichtet, zu ihm Sorge zu tragen. Sie könnte seinen Erhalt einfordern. Stand heute, will sie es nicht tun. Sie hat zwar beim Verkauf mitgeboten, konnte preislich aber nicht mithalten (auch in der Rheinfelder Welt regiert das Geld). Das Bahnhofsquartier ist heute noch ein recht intaktes Ensemble. Zum anderen verlöre Rheinfelden einen über 500 Quadratmeter grossen, über 1000 Personen fassenden Veranstaltungsort mit hervorragender Akustik, die unter anderem das Spitzenorchester Argovia Philharmonic zu schätzen weiss.

«Wir rechnen damit, dass die neue Besitzerin die Parzelle entwickeln wird», sagte Stadtschreiber Roger Erdin zur Aargauer Zeitung. Entwickeln? Naja. Man weiss, was das normalerweise heisst. Übrigens: Hat man beim Aargauer Heimatschutz ebenfalls Kenntnis von diesen Plänen?