Gibt es sie wirklich, die Entglobalisierung, oder ist das alles nur ein neues Modewort, das durch die Fachliteratur geistert? Sicher ist: In vielen westlichen Ländern haben Populisten Aufwind, die der Bevölkerung vorgaukeln, dass mit mehr Zollschranken die Beschäftigung zurückkehrt. Sicher ist auch, dass seit der Finanzkrise die einstigen Treiber der Globalisierung, die Banken und Finanzinstitute, an Glaubwürdigkeit eingebüsst haben. Und eine weitere Entwicklung lässt sich festmachen: Der globale Handel hat nicht mehr die Dimensionen angenommen, die er vor der Finanzkrise hatte.

Sind wir deshalb schon im Zeitalter der Entglobalisierung angekommen? Schauen wir 50 Jahre zurück, zeigt sich, dass es verschiedene Phasen in der Globalisierung gab. In einer ersten produzierten Firmen aus einem Land Produkte für den Weltmarkt. Die ganze Arbeit – die Wertschöpfungskette – wurde in einem Land verrichtet. Grosse US-Konzerne fingen in einem zweiten Schritt an, diese Wertschöpfungskette zu durchbrechen. Heute ist der Ort, an dem etwa ein Auto designt wird, wo die einzelnen Komponenten gefertigt und der Ort, wo die Teile zusammengesetzt werden, oft nicht der gleiche. In der Theorie hätte das nicht nur zu tieferen Produktionskosten, sondern auch zu mehr Wohlstand führen sollen.

Bremsmanöver kommen vor allem aus den USA

Doch nun bremst ausgerechnet die US-Regierung diese Entwicklung. Sie hat Verhandlungen mit der EU über das transatlantische TTIP-Abkommen gestoppt. Ausserdem steigen die USA aus dem transpazifischen Partnerschaft TPP aus. US-Präsident Donald Trump hat jüngst auch mit Strafzöllen bei Stahlimporten gedroht – für Importe aus den EU-Ländern etwa oder aus China. Es droht nicht nur ein Stillstand bei Verhandlungen, sondern ein Handelskrieg. Es geht dabei sicher um Wahlversprechen, die Donald Trump einlösen will. Er möchte «fairere Verträge» für die USA aushandeln.

In vielen westlichen Ländern spürte die Mittelklasse von der Globalisierung nur wenig. Die Ungleichheit nahm zu. Im Zuge der Globalisierung hat die Arbeiterschaft ihre Verhandlungsmacht verloren. Profitiert haben neben den grossen weltweit operierenden Konzernen auch die Schwellenländer. Chinas Pro-Kopf-Einkommen hat sich von 1990 bis 2010 von 200 auf 5000 Dollar gesteigert. In vielen Ländern der Welt ist Wohlstand entstanden, wo es zuvor Armut gab.

Doch sind wir nun an einem Wendepunkt angelangt? Vielleicht. Doch es wird am Schluss anders ausgehen, als sich das Trumps Anhänger wohl vorstellen. Kommt es nun zu mehr Protektionismus und Zollschranken, würden zunächst die Produktionskosten in den betroffenen Schwellenländern ansteigen. Konzerne verlagern jetzt schon die Arbeit in noch billigere Länder als China.

Die Jobs kommen nicht mehr «nach Hause» zurück

Die Fabrikjobs würden also schon aus diesem Grund kaum mehr «nach Hause» in den Westen zurückkehren. Kommt hinzu, dass die Digitalisierung der Wirtschaft im vollen Gang ist. Dies bedeutet, dass noch mehr Arbeitsschritte automatisiert werden können, dass also die Produktionskosten noch mehr gesenkt werden. Überspitzt formuliert kann sich bald jeder mit einem 3-D-Drucker sein eigenes Auto bauen. Die Arbeitswelt wird dies komplett revolutionieren: Es bräuchte keine Fabriken mehr. Der grösste Feind des US-Fabrikarbeiters ist also nicht in China zu suchen, sondern im Silicon Valley, wo die Digitalisierung vorangetrieben wird.

Die Entglobalisierung, sie kommt also eher nicht über zunehmende Zollschranken, sondern durch die Hintertür, aufgrund des technologischen Wandels. Und ja, sie produziert Verlierer. Es sind wohl die gleichen Bevölkerungsschichten, die bisher zu kurz gekommen sind. Die US-Mittelklasse wird von diesem weltweiten Schachspiel kaum etwas haben. Zu den Verlierern des noch schnelleren Wandels gehören auch die Arbeiter in den Schwellenländern. Allen voran diejenigen in China. Der Druck auf ihre Löhne würde grösser. Kein Wunder, spielt sich Chinas Präsident Xi Jinping derzeit als wichtiger Gegenspieler Trumps auf, wenn es um die Globalisierung geht.