Wochenkommentar

Asien diktiert uns die Agenda

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In seinem Wochenkommentar zu Chinas Mondlandung, Taiwan und Nordkorea schreibt Fabian Hock, Auslandchef der «Schweiz am Wochenende»: «Die erste Jahreswoche war nur ein Vorgeschmack.»

China landet auf der Rückseite des Mondes und wird damit über Nacht zur Supermacht im Weltraum. Präsident Xi Jinping droht Taiwan mit Gewalt. Und Nordkoreas Diktator sendet eine ernüchternde Botschaft. Nicht einmal eine Woche ist das neue Jahr alt, und schon sind drei grosse Themen für 2019 gesetzt. Gemein haben alle drei freilich, dass sie in Asien spielen. Aber nicht nur. Sie zeichnen sich überdies durch eine kaum zu überschätzende Brisanz für den Westen aus.

1. Chinas Technologie

Einmal gewonnene Erkenntnisse tendieren dazu, sich im kollektiven Gedächtnis einzunisten und damit zuweilen länger Gewissheit zu bleiben, als es gerechtfertigt wäre. So auch diese: China ist das Land der Raubkopierer. Das war so – und trifft in Teilen freilich immer noch zu. Doch China ist inzwischen wesentlich mehr als das. Das Riesenreich hat sich zum Ziel gesetzt, in nicht allzu ferner Zukunft zum Weltmarktführer in Sachen Hochtechnologie zu werden. Dass das Land bereits Ergebnisse vorweisen kann, hat es nun bewiesen. Denn eine Landung auf der erdabgewandten und damit im Funkschatten liegenden Seite des Mondes ist eine technisch äusserst diffizile Angelegenheit. Für die Chinesen war das aber erst der Auftakt: Noch in diesem Jahrzehnt sollen Taikonauten eine Basis auf dem Mond besetzen. Eine Sonde, die Marsproben zur Erde bringen soll, ist zudem in Planung. Im vergangenen Jahr hoben mehr Raketen von chinesischen Weltraumbahnhöfen ab als aus jedem anderen Land. Die USA müssen aufpassen, dass ihnen China nicht den Rang als All-Macht Nummer eins abläuft.

Es sind aber auch ganz irdische Bereiche, in denen China den Westen überholen will. Den Fahrplan zur Vorherrschaft in Sachen künstlicher Intelligenz etwa hat Peking im Programm «Made in China 2025» bereits dargelegt. China-Kenner wie der australische Ex-Premier und heutige Präsident des Asia Society Policy Institutes, Kevin Rudd, weisen darauf hin, dass sich der Westen noch intensiver mit Chinas Ambitionen befassen muss. Zu unserer Zeitung sagte Rudd kürzlich: «China plant, die weltweit dominierende Kraft in Sachen künstlicher Intelligenz zu werden.» Für Länder wie die Schweiz sei das eine direkte Konkurrenz. «Wäre ich die Schweiz», so Rudd, «dann würde ich mir das Dokument ‹Made in China 2025› sehr genau ansehen.»

2. Chinas Gebietsansprüche

Nach dem chinesischen Bürgerkrieg 1949 flüchteten die unterlegenen Nationalchinesen vor den siegreichen Kommunisten auf die Insel Taiwan, trennten sich politisch vom chinesischen Festland, hielten demokratische Wahlen ab. Peking hat derweil nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass es sich die Insel gänzlich einverleiben möchte. Präsident Xi hat in dieser Woche den Ton verschärft und nicht mehr ausgeschlossen, dass dies gewaltsam geschieht. Zwar bleibt ein Waffengang derzeit unwahrscheinlich. Doch zeigt die verschärfte Rhetorik gegenüber dem US-Verbündeten Taiwan einmal mehr, dass die Neuordnung amerikanischer Prioritäten («America First») und der zugehörige schrittweise Rückzug von der weltpolitischen Bühne andere dazu anregt, Tabus zu brechen. Wettet Xi darauf, dass die Trump-Regierung auf einen Einmarsch Chinas in Taiwan bloss mit einem Schulterzucken reagiert, könnte es gefährlich werden.

Doch auch wenn Xi gar nicht wirklich nach Taiwan greifen will, wird es wohl noch turbulenter werden um die Insel. Dies, weil Xi gewillt sein könnte, zu versuchen, Taiwan gegen dessen Schutzmacht USA als Faustpfand einzusetzen. US-Präsident Trump hat Peking in einen Handelskrieg hineingezogen, der Spuren hinterlässt. Chinas Wirtschaft ist von den amerikanischen Strafzöllen bereits gezeichnet. Die Drohung einer gewaltsamen Wiedervereinigung wäre dann als Waffe im Handelskrieg mit den USA zu sehen – vorausgesetzt, Washington interessiert noch, was aus ihrem Verbündeten Taiwan wird.

3. Nordkorea

Auch wenn sich Trump und Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un mittlerweile mit Liebesbezeugungen überhäufen, wird immer deutlicher, dass sie beim wichtigsten Thema noch immer fundamental aneinander vorbeireden. An seiner Neujahrsansprache machte Kim klar, dass es nukleare Abrüstung mit Nordkorea nur geben kann, wenn die USA nicht nur die Sanktionen gegen das Regime aufheben, sondern überdies den eigenen Nuklearschirm zurückziehen – was einer atomaren Abrüstung Amerikas gleichkäme. Das ist ausgeschlossen. Weil der erste Gipfel zwischen Trump und Kim vergangenes Jahr in Singapur demnach nicht mehr als schöne Bilder produzierte, muss man mit einer gewissen Skepsis auf das wohl bevorstehende zweite Treffen der beiden blicken.

Der Technologiewettlauf mit China, die Taiwanfrage, Nordkorea: Die USA und Europa zeigen sich gegenüber diesen brisanten Entwicklungen auffallend ratlos. Dabei war die erste Jahreswoche nur ein Vorgeschmack dessen, was noch kommt.

fabian.hock@schweizamwochenende.ch

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Fabian Hock

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