Gastkommentar

Aphorismus und Twitter: Das Netz entwickelte einen Bruder

«Drei Dinge sind nötig für einen guten Tweet: Schlagfertigkeit, Witz, Polemik.»

«Drei Dinge sind nötig für einen guten Tweet: Schlagfertigkeit, Witz, Polemik.»

Heimito Nollé zur enttäuschten Hoffnung, Twitter werde die Sprache verbessern.

Einen Gedanken in Sinn getaucht und kurz gefasst: Das ist die Kunst des Aphorismus, nahezu in Vergessenheit geraten. Als Twitter aufkam, hofften Sprachfreunde und Sprachwissenschaft, dass die Kurzmitteilung im Internet die Sprache wieder aufpolieren, schärfen, verbessern würde. Die Hoffnung hatte sich (bisher) nicht erfüllt. Warum nicht?

Schon das Wort klingt hoffnungslos altbacken: Aphorismus. Wer damit überhaupt noch etwas verbindet, denkt an ebenso kluge wie nutzlose Weisheitssprüche auf Zuckerbeuteln oder im Abreisskalender. Kaum jemand verbindet damit eine eigenständige literarische Gattung, die es mit Autoren wie Karl Kraus, Elias Canetti, Stanislaw Jerzy Lec zumindest punktuell zu Weltruhm brachte. Sie schreiben als Autor selbst Aphorismen? Dann viel Spass beim Suchen eines Verlags!

Von der Kritik irgendwo zwischen Haiku und Schüttelreim verbannt, verwundert es nicht, dass Aphorismenbände bestenfalls in der Kalauerecke der Feuilletons auftauchen und in den Buchhandlungen in der Geschenkabteilung zwischen Katzenkalendern und Ratgebern. Schmerzlich für den Aphoristiker, weiss er doch selber am besten, wie viel Gedankenarbeit in einem gelungenen Aphorismus steckt. Der Aphorismus sei das kleinstmögliche Ganze, schrieb Robert Musil anerkennend; er freilich beherrschte auch die Form des grösstmöglichen Ganzen.

Trotzdem ist es nicht nur die Kürze, die den Aphorismus gerne unter die Wahrnehmungsschwelle des Publikums fallen lässt. Die Doppel- und Mehrdeutigkeiten, wie sie etwa die Sprachspielereien des israelischen Aphoristikers Elazar Benyoëtz kennzeichnen, machen die Lektüre oft schwierig. Gute Aphorismen sind selten eindeutig und erschöpfen sich nicht in der billigen Pointe. Auf den Leser wirken sie irritierend und fordern zu wiederholtem Nachlesen heraus. Oder wer würde diesen Satz von Elazar Benyoëtz schon auf Anhieb verstehen: «Man bleibt nicht, der man ist; man ist, der man bleibt»?

Als vor einigen Jahren Twitter aufkam, witterten die Aphoristiker Morgenluft. War der Tweet mit seinen 140 Zeichen nicht sozusagen die idealtypische Form, die dem Aphorismus endlich auch die ersehnte Reichweite brachte? Das neue Medium schien dem Altherrengenre Sexyness zu verleihen. Zeitungsartikel schwadronierten von einer «Wiedergeburt des Aphorismus in digitalem Gewand». Autoren, die bisher in Klein- und Selbstverlagen publizierten, reihten sich in eine wachsende Community von mehr oder weniger originellen Sprücheschmieden. Der Aphorismus, lange als Hochkultursparte verschrieen, schien plötzlich alltagstauglich, jetzt einfach als Tweet.

Könnte man also sagen, der Aphorismus ist im Tweet aufgegangen und hat nach einigen Jahrhunderten Anlaufzeit endlich sein perfektes Medium gefunden? Wer sich einen Überblick über die gigantische Produktion von Tweets verschaffen will, wird auf Blogs wie «Twitterperlen» fündig. Hier werden die besten und beliebtesten Tweets gesammelt, und das klingt dann zum Beispiel so: «Gestern bei Amazon sechs Krimis bestellt. Heute Angebote für Messer und Müllsäcke bekommen. Die denken echt mit!». Oder aktuell: «Ich will nicht mehr, dass Trump einfach verliert. Er soll gegen eine muslimisch-mexikanische, schwarze Transfrau verlieren und dann platzen.»

Witz, Schlagfertigkeit und Polemik sind nötig, um einen guten Tweet zu schreiben – eigentlich alles auch Voraussetzungen für einen gelungenen Aphorismus. Oder gibt es da doch noch Unterschiede? Die angesprochene Doppel- und Mehrdeutigkeit des Aphorismus ist beim typischen Tweet eher selten zu finden. Er besticht vor allem durch Direktheit und unmittelbare Eingängigkeit. Zwar teilt der Aphorismus mit dem Tweet die Kürze, aber nicht die Schnelligkeit der Produktion. Stärker als der Tweet ist er auf Konzentration und Stille angewiesen. Nicht zuletzt ist es ein Wesensmerkmal des Aphorismus, nicht immer und unmittelbar verständlich zu sein. Für den schnellen Konsum im Netz sind Aphorismen daher oft zu sperrig. Damit sei nichts für oder gegen die Kunstform «Tweet» gesagt. Der Reichtum im Netz ist erstaunlich, und manches davon hat ohne weiteres das Prädikat literarisch verdient.

Es scheint so, als habe sich mit dem Tweet eine eigene Gattung etabliert, zwar mit dem Aphorismus verwandt, ein Bruder, aber deutlich benutzerfreundlicher als dieser. Ein Aphorismus mit Hintersinn wird sich immer verloren auf Twitter ausnehmen. Umgekehrt dürften es viele Tweets schwer haben, in Buchform zu bestehen. In Sachen Popularität sind die Karten klar verteilt. Der Aphoristiker täte trotzdem gut daran, die übermächtige Konkurrenz aus dem Netz als Bereicherung zu verstehen. Einen Vorteil behält er ja: Er darf auch mal länger werden als 140 Zeichen.

Heimito Nollé (* 1970) gehört zu den besten Aphoristikern der Schweiz. Er lebt in Merenschwand AG. Eben ist Nollés zweites Buch erschienen: «Randgut» (Verlag Brockmeyer).

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