Kommentar

Amerika sollte lernen, mit Verlierern umzugehen

Trump liess verlauten, dass er einen Sieg von Joe Biden nicht akzeptieren werde.

Trump liess verlauten, dass er einen Sieg von Joe Biden nicht akzeptieren werde.

Donald Trumps Niederlage im Kampf um vier weitere Präsidentschaftsjahre steht faktisch fest. Doch der Noch-Präsident krallt sich fest. Und je länger er das tut, umso tiefer wird er fallen.

«Die Menschen haben gesprochen und wir respektieren die Erhabenheit unserer Demokratie. Ich habe meinem Kontrahenten eben zum Sieg gratuliert. Amerika steht jetzt an erster Stelle!»

Das sagte der republikanische Amtsinhaber vor seinen jubelnden Anhängern kurz vor Mitternacht – am 3. November 1992. George Bush verlor gegen Bill Clinton. Er war der letzte US-Präsident, der nach einer Amtszeit aus dem Amt schied. Und er bleibt vorerst der letzte, der dies mit Würde getan hat. Denn sein Parteifreund Donald Trump tut nach wie vor keinen Wank – auch wenn seine Niederlage faktisch feststeht.

Trump liess verlauten, dass er einen Sieg von Joe Biden nicht akzeptieren werde. Und er stört mit seinen ­Phrasen von der «gestohlenen Wahl» weiter jenen demokratischen Prozess, der ihm selbst vor vier Jahren zum überraschendsten Triumph in der Geschichte der US-Wahlen ­verholfen hatte.

Nach einem langen Leben voller Siege steht der 74-jährige New Yorker jetzt kurz vor dem schmerzlichen Abtritt von der Weltbühne. Er hat es weiter gebracht als fast alle, er ist höher gestiegen als die meisten – mit ­Methoden, die wir so noch nie gesehen hatten. Donald Trump ist ein Faszinosum, ein Nimmersatt, der sich quer durch das politische Labyrinth gefressen hat, während seine Kritiker durch die engen Gänge irrten und vergeblich nach dem Ausweg aus der Parallelwelt suchten, die Trump mit seinen fabulösen Geschichten immer wieder aufs Neue zimmerte.

Nun aber will ihn das Land nach vier wilden Jahren abschütteln. Das steht fest, auch wenn noch nicht jeder hinterletzte Wahlzettel in Alaska und Arizona ausgezählt ist – und selbst wenn Georgia alle Stimmen nochmals neu zählt und der Südstaat an den Republikaner gehen würde. Amerika erhebt sich. Doch Trump krallt sich fest. Je länger er das tut, umso tiefer wird er fallen. Genau wie all jene, die jetzt in sein undemokratisches Geplärre von «Wahlfälschung» und «Diebstahl» einstimmen.

Es sind – ausser seinen Kindern und seinem Anwalt Rudi Giuliani – nur wenige, die dem in Amerika heiligen Wahlprozess die Ehrerweisung verweigern. Sogar eine Mehrheit der republikanischen Amtsträger fordert, dass man jetzt Geduld üben solle. Und auf Trumps Heimsender Fox News gehen die Analysten ihrer Arbeit genau so akribisch und professionell nach wie drüben bei CNN.

Das ist ein gutes Zeichen für Amerika. Es zeigt, dass Donald Trump die republikanische «Grand Old Party» in seinen vier Jahren als mächtigster Mann der Welt nicht endgültig kapern und die Basis der mächtigsten Demokratie der Welt nicht zertrümmern konnte.

Und dennoch: Eine Falle muss Amerika auf dem Weg in die Nach-Trump-Ära noch umschiffen. Die 70 Millionen Menschen, die Donald Trump trotz all seiner offensichtlichen ­Verfehlungen wiedergewählt haben, verschwinden nicht. Manche werden Joe Biden als ihren Präsidenten ­akzeptieren, manche werden Donald Trump nachtrauern – und manche werden seiner Mär vom demokratischen Wahlbetrug aufsitzen. Wie auch immer: Sie sind die Unterlegenen in dieser Wahl. Und Amerika muss nach vier Jahren Trump einen ganz neuen Umgang mit Verlierern finden.

Für den Noch-Präsidenten waren «losers» schlicht Unwürdige. Mit Verlierern wollte er nichts zu tun haben. Die Besiegten auszuschliessen und fertig zu machen, das war eine Weile lang en vogue in den Trump-­Jahren. Dabei sind Verlierer das Kostbarste, was es in einer Demokratie gibt. Sie zu achten, ihre Ideen zu hören, ihre Bedürfnisse zu respektieren: Das ist zentral dafür, dass sie das System, das ihnen eine politische Niederlage zugefügt hat, nicht verachten.

Joe Biden hat seine Hand bereits ausgestreckt. Er habe als Demokrat kandidiert, aber er werde als Amerikaner regieren, betonte der De-facto-­Wahlsieger. Seine Pflicht hat der Kandidat Biden damit getan. Doch die Arbeit fängt erst an. Sie ist nicht zu knapp.

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