Normalerweise schweigt ein amerikanischer Präsident zu innenpolitischen Ereignissen, wenn er sich im Ausland befindet. Dass Präsident Barack Obama es für nötig befand, diese informelle Regel gestern Freitag gleich zweimal zu brechen, zeigt deutlich, welches Sprengpotenzial die Debatte über die Arbeit der Polizei in Amerika nun hat. Die Stellungnahmen Obamas am Rande des Nato-Gipfels in Warschau illustrieren aber auch, dass selbst hochrangige, gescheite Politiker in dieser Debatte zunehmend hilflos agieren.

Obama sagte, die Tötung zweier afroamerikanischer Männer durch Polizisten in Louisiana und Minnesota sei ein weiteres Anzeichen dafür, dass das amerikanische Justizsystem nicht farbenblind sei – Menschen mit dunkler Hautfarbe würden härter angepackt als weisse Amerikaner. Dies sorge für Misstrauen, auch wenn es grundsätzlich falsch wäre, sämtliche Polizisten als Rassisten zu bezeichnen. Nach der Erschiessung von fünf Polizisten in Dallas (Texas) ergänzte der Präsident, dass es «keine Rechtfertigung» für solch furchtbare Taten gebe.

Das sind Binsenwahrheiten. Sie zeigen, dass sich die politische Debatte um Polizeiarbeit und Polizeigewalt schon lange im Kreis dreht, weil zunehmend das Verständnis und die Bereitschaft fehlen, die andere Seite verstehen zu wollen. So gelten Ordnungshüter auf der linken Seite des politischen Spektrums tendenziell als Feindbilder. Auf der politischen Rechten hingegen fehlt die Bereitschaft, sich mit den Folgen des oft tiefsitzenden weissen Rassismus in Amerika auseinanderzusetzen.

Dieser Riss, der durchs Land geht, droht Amerika zu spalten. Es fehlt eine Integrationsfigur, die Brücken bauen kann.