Die Leute lachen viel und applaudieren heftig. Sie erleben und geniessen den demokratischen Alltag in der Gemeinde: Einzelvorstösse und Querulanten, Folienschlachten am Beamer, Diskussionen um die Miete eines neuen Lagerhauses, eine Einbürgerung, eine gescheiterte Umzonung, ein Eklat zum Schluss.

So weit, so gut. Irritierend ist einzig, dass die vielen Leute, die in den Saalbau gepilgert sind und sich schon Wochen im Voraus einen Sitzplatz reserviert haben, dass alle diese Leute da sind, nicht, um eine echte, sondern um eine gespielte Gemeindeversammlung zu erleben.

Nicht das Original interessiert, sondern das, was Mike Müller daraus macht. Was und wie er es macht, ist einzigartig, keine Frage: Er spielt allein eine ganze Gemeindeversammlung, verkörpert neun Rollen mit ebenso vielen Dialekten, manchmal spielt er mehrere Figuren gleichzeitig. An der von Mike Müller gespielten Gemeindeversammlung in Reinach nahmen mehr als 550 Personen teil; an der echten Wintergmeind vom 1. November 2017 waren es bloss 152. 

Reinach ist kein Einzelfall. Mike Müller tourt mit seiner Gemeindeversammlung durch die Schweiz, gegen 100 Mal wird er vor vollen Sälen spielen und immer wieder Zusatzvorstellungen einschieben. Die richtigen Gemeindeversammlungen hingegen finden weiterhin vor fast leeren Rängen statt.

Nun könnte man sich natürlich fragen, warum eine gespielte Gemeindeversammlung rund viermal beliebter ist als eine reale. Und ob das etwas aussagt über den Zustand der Demokratie. Oder ob einfach nur Mike Müller an allem schuld ist.