Kolumne

Allerweltswörter

Sorgen Allerweltswörter für die Verarmung unserer Sprache?

Sorgen Allerweltswörter für die Verarmung unserer Sprache?

Pedro Lenz schreibt in seiner Kolumne über praktische Begriffe wie «tschent», «cool» und «chillen».

Im Dorf meiner Kindheit gab es ein Wort, das zu allem passte, was uns Freude machte. Einen abwechslungsreichen Nachmittag, eine abenteuerliche Schulreise, einen spannenden Kinofilm oder ein grosszügiges Geburtstagsgeschenk, fast alles nannten wir «tschent». Durch «tschent» liessen sich all die oben genannten Adjektive und noch viele mehr ersetzen. «Tschent» war ein wirklich «tschentes» und ausgesprochen praktisches Wort, bis es auf einmal, fast über Nacht, aus unserer Umgangssprache verschwand.

 So wie diesem einst beliebten und verbreiteten «tschent» geht es vielen Wörtern. Sie sind irgendeinmal da, fast niemand weiss, wie, wann und woher sie gekommen sind, und niemand kann sagen, wohin sie plötzlich verschwinden.

Vielleicht verschwand «tschent», weil es durch das noch viel praktischere «Cool» verdrängt wurde. Als uns nämlich «cool» erreichte, war alles, was davor «tschent» gewesen war, auf einmal «cool». Aber «cool» umfasste noch viel mehr als «tschent», denn nicht nur «tschente» Dinge wurden «cool» genannt. «Cool» konnte auch bedeuten, dass jemand ruhig und abgeklärt war, dass jemand sich stilvoll kleidete, dass jemand die angesagte Musik hörte und vieles mehr. Selbst einen heissen Sommertag oder ein offenes Kaminfeuer fand man seinerzeit «cool». Und für alles, was einen nicht «cool» genug dünkte, gab es den Begriff «uncool».

«He Alte, chills doch ändlech!»

 Ähnlich vielfältig wie das inzwischen auch schon ziemlich uncoole Adjektiv «cool» ist heute das Verb «chillen», das aus dem englischen «to chill» eingedeutscht wurde. Für «to chill» findet das Wörterbuch Übersetzungen wie: abkühlen, etwas abschrecken, etwas kühlen, jemanden oder etwas auskühlen, relaxen, sich beruhigen oder sich entspannen. In unserer mundartlichen Umgangssprache kann «chillen» allerdings noch viel breiter verwendet werden. Während wir «chillen» für alle im Wörterbuch genannten Entsprechungen einsetzen, geben wir dem Verb «chillen» zusätzliche Bedeutungen wie rumhängen, faulenzen, rumsitzen oder sich ausruhen.

 Interessant an «chillen» ist freilich, dass es in der Befehlsform sein Bedeutungsspektrum nochmals erweitert. Es fällt nämlich auf, dass junge Leute einander Sätze sagen wie: «He Alte, chills doch ändlech!», wobei dieses im Imperativ angewendete «chillen» auch Bedeutungen wie: «vergiss es!», «hör auf damit!», «nerv nicht!» und andere mehr erlangen kann.

Kulturpessimisten gelangen zuweilen zur Ansicht, unsere Sprache verarme, wenn solche Allerweltswörter inflationär gebraucht werden. Schon zu meiner Primarschulzeit mahnten uns die Pädagogen, nicht immer die gleichen Adjektive zu verwenden. «Suche ein schöneres Adjektiv für schön!», schrieben uns die Lehrerinnen an die Ränder unserer Aufsätze. Und wer weiss, ob manche Erziehungsberechtigten nicht bald mahnen: «Chillt es doch endlich mal mit eurem ewigen chillen!» Dabei gibt es keinen Grund zur Sorge. Chillen wird so unauffällig verschwinden, wie es gekommen ist. Spätestens, wenn es uncool geworden ist, weil wir Erwachsenen es auch brauchen, dürfte es ausgechillt haben.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1