Fahrländer

Ärztedichte ist gross, aber es reicht nicht

Es gibt zu wenig Ärzte im Aargau. (Symbolbild)

Es gibt zu wenig Ärzte im Aargau. (Symbolbild)

Jetzt ist die Versorgungsumfrage des Aargauischen Ärzteverbandes, über die wir vor Monatsfrist ein bisschen prognostiziert und spekuliert haben, publiziert. Die «Aargauer Zeitung» hat ihr am Dienstag und am Mittwoch je einen Schwerpunkt gewidmet. Diagnose: Der Ärztemangel ist nicht, wie von gewissen Medien behauptet, eine Mär. Er ist eine Realität, auch und gerade im Aargau.

Wir bleiben noch ein bisschen renitent. Im Jahr 1970 kam in der Schweiz auf 1000 Einwohner weniger als ein Arzt (0,91). 40 Jahre später, 2010, waren es mehr als zwei (2,05). Die Zahlen stammen vom Gesundheitsobservatorium Obsan. Etliche Gründe für das Phänomen sind (an-)erkannt. Sie liegen einerseits im Angebot: Die Zahl der benötigten Ärzte steigt, weil die Pensen der einzelnen Mediziner aus unterschiedlichsten Gründen gesunken sind. Sie liegen aber auch in der Nachfrage: Wir Kundinnen und Kunden sind heute schneller und komplizierter krank als früher und wollen schliesslich Leistungen sehen für diese exorbitant hohen Krankenkassenprämien. Trotzdem. Mehr als doppelt so viele Ärzte! Und dann ein Mangelphänomen?!

Weitere Erklärungen müssen her. Eine liefert der Leiter des Instituts für Hausarztmedizin an der Uni Zürich, Thomas Rosemann. Er sagt: Rund ein Drittel der Leistungen, die ein Arzt/eine Ärztin heute erbringt, könnte durch nichtärztliche Fachpersonen ausgeführt werden, ohne Einbusse der Behandlungsqualität. Er erwähnt: medizinische Praxisassistentin, Pflegeexpertin, Physiotherapeut etc. Eine solche Aufgabenreform mit Ausgliederung einfacherer Behandlungen bedingt natürlich ein neues Tarifsystem – da kommen die Interessenvertreter wie brüllende Löwen gestürzt. Trotzdem. Professor Rosemann ist ja nicht gerade ein Externer in dieser Diskussion. Man sollte seine Stimme ernst nehmen.

Zum Schluss das «Ceterum censeo» jeder Debatte um den vermeintlichen oder tatsächlichen (Haus-)Ärztemangel – sogar deren zwei. Erstens: Wir bilden in der Schweiz zu wenig Ärzte aus. Und kompensieren das Manko mit Ausländerinnen und Ausländern. Doch dieser Nachschub ist nicht ewig garantiert. Plötzlich könnte das Problem noch viel grösser werden. Und zweitens: Von den jungen Menschen, die sich zu Äskulap, den Gott der Heilkunst, hingezogen fühlen, wählen heute viel zu wenige den offenbar zu wenig attraktiven Weg des Hausarztes. Sie scheuen unternehmerisches Risiko, medizinische Gesamtverantwortung und unregelmässige Arbeitszeiten. Das ist schade. Aber wohl kaum mehr zu ändern.

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