Wochenkommentar

Ach, diese Kleingeister! Rupperswil und die politischen Folgen

Christian Dorer
Thomas N. und das Wohnhaus in Rupperswil (Fotomontage)._1

Thomas N. und das Wohnhaus in Rupperswil (Fotomontage)._1

In seinem Wochenkommentar über den Schock nach der Festnahme des Vierfach-Mörders von Rupperswil und die politischen Folgen schreibt az-Chefredaktor Christian Dorer: Wenn es um Geld geht, stellt sich in der Schweiz oft eine verschrobene Optik ein.

Wohin man geht, mit wem man spricht – ein Thema dominiert alles: der Vierfach-Mörder von Rupperswil. Vor gut einer Woche wurde er verhaftet, er ist geständig, der Tatablauf geklärt. Und trotzdem tauchen immer neue Überlegungen auf, die betroffen machen:

Ein Mörder in den eigenen Reihen.
Thomas N. führte ein unauffälliges Leben, er war ein Rupperswiler, er war im Fussballclub engagiert. Was muss in den Kollegen vorgehen, die jahrelang mit dem 33-Jährigen trainiert haben und jetzt erfahren, dass er ein Mörder ist? Wem kann man eigentlich noch trauen?

Weitere Opfer im Visier.  
Die Ermittler sagen, der Mörder hätte eine weitere, ähnlich gelagerte Tat geplant. Wie entsetzlich ist der Gedanke für Familien in der Umgebung, sie hätten die Nächsten sein können? Und wie traumatisierend ist es für jemanden, der erfährt, dass der Mörder ihn im Visier hatte?

Die zweite Katastrophe verhindert. 
Man möchte sich nicht die Panik vorstellen, die ausgebrochen wäre, hätte Thomas N. ein zweites Mal zugeschlagen. Die Polizei wäre massiv in die Kritik geraten. Jetzt wird sie – zu Recht! – für ihre Leistung gelobt. So schmal ist der Grat.

Der Fall Rupperswil hat zudem wichtige politische Debatten ausgelöst: Welche technischen Mittel sollen Ermittler anwenden dürfen? Wenn es um einen Vierfachmord geht, sagt wohl jeder: alle, die möglich sind. Heute jedoch sind nicht alle zulässig. Strafrechtler kritisieren den rückwirkenden Antennensuchlauf im Fall Rupperswil als problematisch für einen Rechtsstaat, weil Unschuldige ohne Tatverdacht betroffen sind. 

Auch in der DNA-Auswertung ist nicht alles erlaubt, was möglich wäre. Mit Ausnahme des Geschlechts dürfen keine Eigenschaften herausgelesen werden, etwa Augen- und Haarfarbe oder Körpergrösse. Doch warum sind nicht DNA-Daten von allen Menschen, analog zur Wohnadresse, in einer Datenbank gespeichert? Man fände einen Mörder viel einfacher. Aber es gäbe Missbrauchspotenzial: Was, wenn er ein Haar eines Unschuldigen am Tatort hinterlegt? Was erlaubt sein soll, ist ein heikler Balanceakt: Einerseits sollen Fahnder für die Aufklärung von Verbrechen alle technischen Mittel nutzen können, anderseits wollen wir keinen totalen Überwachungsstaat.

Die kontroversesten Reaktionen jedoch löste diese Woche ein Entscheid des Regierungsrats aus. Er will die 100 000 Franken, die für Hinweise aus der Bevölkerung reserviert waren, an die involvierten Polizisten auszahlen. Kritiker monieren, diese hätten doch bloss ihre Pflicht getan und der Kanton müsse an allen Ecken und Enden sparen.

Die 100'000 Franken machen 0,002 Prozent des Budgets aus

«Ihr Kleingeister!» möchte man ihnen zurufen. Die 100 000 Franken werden den Aargau nicht ruinieren – sie machen 0,002 Prozent des Kantonsbudgets aus. Eine Anerkennung an die Fahnder aber ist nicht nur angebracht, sondern dringend nötig: Wer rund um die Uhr physisch oder in Gedanken am Fall arbeitet, wer Feiertage und Wochenenden klaglos opfert, wer über Monate all seine Kraft in die Auflösung des Falles steckt, wie es die Aargauer Polizisten getan haben – der erreicht garantiert mehr, als wer Dienst nach Vorschrift schiebt. Und wer möchte die psychische Belastung aushalten müssen, wenn man sich den ganzen Tag mit diesem Mord beschäftigen muss und sich mit niemandem austauschen darf?

Eine Anerkennung auch finanzieller Art für ausserordentliche Leistung muss beim Staat möglich sein – lieber spart man halt sonstwo etwas mehr. So wie ein privates Unternehmen selbst unter höchstem Spardruck niemals das Weihnachtsessen streichen sollte, sondern falls nötig im Interesse der grossen Mehrheit der Angestellten besser eine halbe Stelle zusätzlich abbaut.

Wenn es um Geld geht, stellt sich in der Schweiz oft eine verschrobene Optik ein. In dieses Kapitel gehört zum Beispiel die absurde Diskussion, die der Zürcher «Tages-Anzeiger» über das Neat-Eröffnungsfest lanciert hat: Darf das wirklich 9 Millionen Franken kosten? Es sind 0,0375 Prozent der Tunnelkosten …

Aber auch Schweizer Touristen in Entwicklungsländern verlieren gerne den Sinn für Relationen. Da geben sie Tausende von Franken für Flüge und Hotels aus, feilschen dann aber mit dem Tuck-Tuck-Fahrer darüber, ob die Fahrt zwei Dollar kosten darf oder drei.

Lassen wir die Kleingeister Kleingeister sein. Entscheidend ist etwas anderes: dass einer der brutalsten Mörder der Schweizer Kriminalgeschichte gefasst wurde. Für dieses Ziel muss ein Staat alles unternehmen – koste es, was es wolle.

Autor

Christian Dorer

Christian Dorer

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