Dass Angela Merkel überhaupt noch Kanzlerin ist, ist eigentlich ein Wunder. In ganz Europa spülten Finanz-, Wirtschafts- und Migrationskrisen Regierungen weg. Frankreich hat seit 2005 vier Präsidenten gesehen, Österreich fünf Kanzler, Italien sieben verschiedene Ministerpräsidenten. Nur Merkel ist noch da. Mit dem Verzicht auf eine Kandidatur bei der nächsten Wahl um den Parteivorsitz der CDU hat nun jedoch auch sie ihren Rückzug eingeleitet, wenn auch nicht ganz freiwillig. Die ewige Kanzlerin tritt ab. Das wird auch in der Schweiz nicht ohne Folgen bleiben.

Politische Grundsatzentscheide in Deutschland wirken häufig bis in die Schweiz. Schwer vorstellbar, dass Doris Leuthard ihre Energiewende durchgezogen hätte, ohne dass es Deutschland unter der Führung Merkels vormachte. Dass die deutsche Kanzlerin 2015 die Grenzen nicht schloss und Hunderttausende Flüchtlinge unkontrolliert ins Land strömten, bleibt hierzulande ebenfalls nicht wirkungslos. Vom zeitweisen Kontrollverlust an der deutschen Grenze dürfte die SVP profitiert haben.

Das bilaterale Verhältnis wird auch durch den politischen Stil geprägt. Die Schweiz hatte es meist gut mit Merkel, die Kanzlerin ist hier beliebt. Das hat auch damit zu tun, dass sie dem Schweizer Naturell ähnlich ist: abwägend, unaufgeregt, moderierend. Um Konsens bemüht, schwebte Merkel zeitweise über den ideologischen Gräben, die Parteien in Deutschland vor ihrer Kanzlerschaft noch mit aller Macht verteidigten.

Mit Merkel kann man sich in der Schweiz identifizieren. Ihre Entscheide wirken auf die hiesige Bevölkerung. Wenn Deutschland der grosse Kanton ist, dann ist Merkel die achte Bundesrätin. Keine echte, aber doch eine gefühlte.

Helvetisiert hat Merkel die deutsche Politik indes nicht. Denn während das permanente Bemühen um einen Konsens in der DNA der Schweizer Politik angelegt ist, führte Merkels Stil in Deutschland eher zu grosser Ermüdung. Die deutsche Demokratie lebt vom inhaltlichen Schlagabtausch. Dieser wurde zahmer, je länger CDU und SPD gemeinsam auf der Regierungsbank sassen – in der Ära Merkel immerhin während 9 von 13 Jahren.

Merkel selbst nahm dem politischen Diskurs im Land überdies die Schärfe, indem sie sich gute Ideen des politischen Gegners kurzerhand selbst zu eigen machte. Energiewende, Abschaffung der Wehrpflicht, Ehe für alle – Konservative wie Konrad Adenauer oder Herbert Wehner würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, für welche Inhalte die CDU von heute steht.

Ideologie war Merkel während ihrer Zeit im Kanzleramt nicht wichtig. Sie wartete ab und folgte dem Zeitgeist. Da sie parallel dazu die CDU immer stärker auf sich zugeschnitten hatte, musste sie auch mit keinem grossen Widerstand rechnen. Positionen, die wenige Jahre zuvor noch undenkbar waren, konnte die von Merkel entideologisierte Partei problemlos besetzen. Das hatte den Nebeneffekt, dass es dem politischen Hauptgegner die Luft zum Atmen nahm. Merkel machte die Sozialdemokratie mit ihrer Politik praktisch überflüssig. Heute huscht die SPD wie ein Gespenst durch die deutsche Politik, blutleer und orientierungslos. Weil sich jedoch keine Partei, auch nicht die CDU, beliebig weit dehnen kann, tat sich unweigerlich am rechten Rand ein Loch auf. Darin breitete sich die Alternative für Deutschland (AfD) genüsslich aus.

Dass Merkel den konservativen Teil ihrer Partei immer wieder vor den Kopf stossen konnte, ohne dafür herausgefordert zu werden, hat mit einer weiteren Überlebensstrategie zu tun: Merkel hat sich nach und nach potenzieller Kontrahenten innerhalb ihrer eigenen Partei kompromisslos entledigt. Fast ironisch mutet da an, dass mit Friedrich Merz, den Merkel noch vor ihrer Kanzlerschaft von der Parteispitze verjagte, ein frühes prominentes Opfer nun zu ihrem Nachfolger werden könnte.

Angela Merkel hat zweifellos viel erreicht für Deutschland. Auf Grundlage der Arbeitsmarktreformen ihres Vorgängers Gerhard Schröder machte sie aus dem «kranken Mann Europas», wie Deutschland zu Beginn des Jahrtausends gern genannt wurde, den wirtschaftlichen Stabilitätsanker des Kontinents. Trotzdem wird sich kaum vermeiden lassen, dass sie als die Kanzlerin in die Geschichte eingehen wird, unter deren Regentschaft sich die Politlandschaft zum Schlechten, zum Instabilen veränderte.

Hängen bleiben wird auch das grosse Versäumnis, aus der Europäischen Union ein funktionsfähiges und bei den Menschen beliebtes Bündnis zu formen. Diese Chance bekommt nun ihr Nachfolger. Und auch wenn es schwer werden dürfte gegen Merkels Kronprinzessin Annegret Kramp-Karrenbauer: Sollte sich Merz oder der konservative Gesundheitsminister Jens Spahn zu Merkels Nachfolger aufschwingen, muss das für die Schweiz nichts Schlechtes heissen. Spahn vertritt eine härtere, aber keinesfalls inhumane Migrationspolitik. Und Merz kommt direkt aus dem Aufsichtsrat des weltgrössten Vermögensverwalters Blackrock. Beide dürften also ein gewisses Gespür für Schweizer Anliegen mitbringen.