Im Kampfanzug und mit hohen Schuhen trat der Offizier spätabends an die Theke im Zürcher Hotel Baur au Lac. Er trug die roten Abzeichen des Artillerieregiments 14. Der Empfangschef lächelte: «Sie werden erwartet, Herr Oberst!»

Den Mann, der dem späten Besucher aus der Halle entgegenkam, hatte Fritz Gerber bis dahin häufiger von hinten gesehen als von vorne, immer dann nämlich, wenn er ein Konzert des Collegium Musicum Zürich besuchte. Gerbers Gastgeber war Paul Sacher, berühmter Dirigent und als Vertreter der Familienaktionäre Mitglied des Verwaltungsrates der F. Hoffmann-La Roche AG.

Es war Herbst 1977. Ohne Vorrede kam Sacher zur Sache: «Roche ist in einer grossen Krise», sagte er. «Herr Gerber, Sie müssen Präsident des Verwaltungsrats werden! Sie sind der Mann, der unsere Probleme lösen kann.»

Fünf Vierteljahre vor dem diskreten Treffen im «Baur au Lac» war das Chemieunglück von Seveso passiert. Die Roche-Führung verstand lange nicht, dass dies der äusserste Ernstfall war. Britische Zeitungen schrieben, Roche sei die «meistgehasste» Pharma-Firma.
Der Fall Seveso offenbarte schwere Mängel in der Führungsorganisation. Schon wurden Ausbaupläne für die Vitamin- und Feinchemikalienwerke im unteren Fricktal öffentlich angegriffen.

Die alte Roche-Führung verharrte in hochfahrender Erstarrung, obwohl sich auch die internen Probleme häuften. Die weltweit beispiellos erfolgreichen Medikamente Valium und Librium würden in wenigen Jahren den Patentschutz verlieren. Die Pipeline war leer. Paul Sacher spürte, dass er handeln musste.

Fritz Gerber war damals 48 Jahre alt und hatte erst vor einem Jahr das Präsidium der Zürich-Versicherung übernommen. Im vorangegangenen Jahrzehnt hatte er den bedächtigen Konzern reorganisiert und an die Spitze der europäischen Industrieversicherer geführt. Aber was sagt man zu einem solchen Angebot? Er dankte für die Ehre und wandte ein, er habe keine Ahnung von der Pharmaindustrie und verstehe nichts von Forschung. Er bat sich Bedenkzeit bis zum Ende seines Militärdienstes aus. Dann fuhr er zurück zur Truppe ins Melchtal.

Beispiellose Doppelrolle

Zuerst lehnte Fritz Gerber ab. Dann bearbeitete Paul Sacher die Zürich-Verwaltungsräte einzeln und holte deren Einverständnis ein. Alle stellten die gleiche Bedingung: Gerber müsse das Zürich-Präsidium behalten. Und Gerber selbst war, wie er später eingestand, geschmeichelt, dass man ihm diese beispiellose Doppelbelastung zutraute. Schliesslich sagte er zu. Am 21. Juni 1978 trat Fritz Gerber sein neues Amt in Basel an.

Das Echo in der Öffentlichkeit war überwiegend negativ. Am schärfsten verurteilte Hans Jörg Abt in der «Neuen Zürcher Zeitung» eine «derartige Machtfülle in der Hand eines Einzelnen». Doch Abts Hoffnung, «die schwer verständliche Rochade (...) möge sich innert nützlicher Frist als Überbrückungslösung oder aber als Episode von beschränkter Dauer entpuppen», blieb unerfüllt.

Fritz Gerber präsidierte die Zürich bis 1995 und die Roche bis 2001. Wie damals üblich, bekleidete er in beiden Firmen auch die oberste operative Leitung als oberster exekutiver Chef (CEO). Beide Firmen entwickelten sich in diesen langen Jahren hervorragend.

Fritz Gerber wuchs in bescheidenen Verhältnissen als Sohn eines angestellten Schreiners und einer Mutter aus dem Walser Geschlecht der Abplanalp in Huttwil auf und kommandierte das dortige Kadettenkorps. Eine kaufmännische Lehrstelle schlug er aus. Fritz brachte es fertig, seinen Vater zu überzeugen, pro Monat 120 Franken aus dem schmalen Familienbudget abzuzweigen, damit er das städtische Gymnasium in Bern besuchen konnte.

Am Sonntagabend nahm er jeweils im Rucksack Brennholz für seine Mansarde mit. Taschengeld verdiente er mit Nachhilfestunden, als Buchhandelsgehilfe und später als Statist für die Mundarthörspiele von Radio Bern.

Als Gymnasiast fing Fritz Gerber Feuer für die moderne Malerei. Das erste Bild, das er erwarb, war eine Lithografie von Joan Miro. Das Studium der Jurisprudenz machte ihm keine Mühe; daneben betätigte er sich aktiv beim «Jungen Bern». Diese lokalpolitische Reformbewegung, der auch Mani Matter, Jean-Pierre Bonny und andere später prominente Persönlichkeiten angehörten, mischte die Berner Lokalpolitik auf, wehrte sich erfolgreich gegen Interessenverfilzungen im öffentlichen Bauwesen und brachte schliesslich zur allgemeinen Überraschung Klaus Schädelin in den Gemeinderat (Exekutive). Die etablierten Politiker schäumten.

Beamter bei Hans Schaffner

Nach dem mit Glanz bestandenen Fürsprecher-Examen wollte sich Gerber eigentlich selbstständig machen. Als das Büro schon gemietet und die Occasionsmöbel gekauft waren, riet ihm einer seiner Professoren, sich bei Minister Hans Schaffner, dem damaligen Direktor der Handelsabteilung und späteren Bundesrat, vorzustellen.

Nach zwei Stunden wusste Fritz Gerber, dass er genau das werden würde, was er eigentlich nie hatte werden wollen: Beamter. In der Folge beschäftigte er sich zwei Jahre lang mit dem Beitritt der Schweiz zum Zoll- und Handelsabkommen Gatt und dem neuen Zolltarifgesetz, als jüngstes Mitglied einer Gruppe von Juristen und Handelsdiplomaten unter 50, mit denen Schaffner nach dem Aktivdienst die Verwaltung belebte. Dazu gehörten Persönlichkeiten wie Fritz Halm, Paul Jolles, Pierre Languetin, Oliver Long und Edwin Stopper. Das war der Anfang von Fritz Gerbers legendärem Netzwerk.

Zur Zürich-Versicherung kam Fritz Gerber 1958, zunächst als juristischer Allrounder, dem alle erdenklichen Geschäfte übertragen wurden, von der harzenden Baubewilligung über den komplizierten Schadenfall bis zur ersten Firmenübernahme. Dann wurde er nach Indien und Australien entsandt, um Tochterfirmen zu sanieren. 1965 wurde Gerber zum jüngsten Direktor im Hause ernannt und war immer häufiger federführend bei aufsehenerregenden Übernahmen, etwa Alpina (1965), Altstadt (1982) und Genfer (1991).

Zu Beginn der 1970er-Jahre erschütterte der Turegum-Skandal die Zürich; es ging um schwere Misswirtschaft bei Rückversicherungsgeschäften in London. Theoretisch hätte der Schaden eine dreistellige Millionensumme erreichen können. Gerbers Sanierungsteam und günstige Währungskurse verhinderten das Schlimmste.

Gerber sagt heute, ihm habe geholfen, dass er sich von Branchenverbänden ferngehalten und sich damit den unbefangenen Blick des Aussenstehenden bewahrt habe.
Dies erwies sich später auch als entscheidend, etwa im heiklen Umgang mit der Forschung bei Roche, wo es ebenso um die Konzentration auf das Wesentliche wie um die Erschliessung wichtiger Zukunftsgebiete ging.

Unter Gerber wurde der damals in zwei Teile (USA und der Rest der Welt) gespaltene Roche-Konzern grundlegend reorganisiert und die Finanzstruktur erneuert – unter anderem durch Einführung der Holding und Zulassung zur Schweizer Börse, was den Konzern kapitalmarktfähig machte.

Nach jahrelangen, in der Öffentlichkeit kaum beachteten Aufräumarbeiten und gestärkt durch das Vertrauen der mehrheitlich dominierenden Familienaktionäre konnte Gerber den Schritt in die Molekularbiologie wagen und grosse Risiken eingehen. Weltweites Aufsehen erregte die Übernahme des kalifornischen Biotech-Pioniers Genentech (1990), später von Syntex (1994), von Corange/Boehringer Mannheim/de Puy (1997) und die Verselbstständigung der Givaudan-Gruppe (2000).

Bei Gerbers Eintritt 1978 betrug die Börsenkapitalisierung 6,3 Milliarden Franken; als er 2001 an Franz Humer übergab, waren es 124 Milliarden – fast 20-mal mehr. Der Aufstieg von Roche in die Spitze der globalen Pharmaindustrie ist untrennbar mit dem Namen von Fritz Gerber verbunden.

Bei der Zürich wie bei Roche wurden Fritz Gerbers ungewöhnliche Leistungen mit der Ernennung zum Ehrenpräsidenten belohnt. Nestlé, Credit Suisse und andere beriefen ihn in den Verwaltungsrat, und er war Mitglied der Beratergremien von IBM, Chase Manhattan Bank (später J. P.Morgan Chase) und der Tenneco Europe.

Engagiert für Kunst und Musik

In seinem langen, von gesundheitlichem Glück und beneidenswerter Konstitution gesegneten Leben engagierte sich Fritz Gerber auch in vielfältiger Weise für Musik, bildende Kunst und für soziale Belange. Zu seinem 70. Geburtstag gründete er die Fritz-Gerber-Stiftung für begabte junge Menschen, die alljährlich Karrieren in allen erdenklichen Tätigkeitsgebieten fördert.

Er übernahm den Vorsitz der Paul-Sacher-Stiftung für Zeitgenössische Musik und baute, beraten von Harald Szeemann, bedeutende Sammlungen moderner Kunst für Roche und für sich privat auf. Fritz Gerber gab auch den Anstoss zum Bau des Museums Tinguely und leitete in Paul Sachers Sinn den Ausbau der weltberühmten Musikaliensammlungen und des Sammlungs- und Bibliothekbaus auf dem Münsterplatz in Basel. Er liess den von Otto Salvisberg entworfenen Konzernsitz am Rheinufer stilgerecht renovieren und einrichten.

Fritz Gerber ist in zweiter Ehe verheiratet mit Renate Prinz, der Witwe des 1983 verstorbenen Vorstandsvorsitzenden von Daimler-Benz. Er wohnt in Arlesheim und im Engadin und hat fünf Kinder und 17 Enkel, die ihm unter anderem den Umgang mit dem Computer beigebracht haben. Und er hat bei aller Berühmtheit nie vergessen, woher er gekommen ist. Wenn immer möglich besucht er die Klassentreffen in Huttwil und kümmert sich um alte Freunde.

* Journalist Karl Lüönd ist Autor der Biografie von Fritz Gerber «In wachsenden Ringen».