Mail aus Amerika (10)

270'000 Dollar für ein Studium

Die Elite: Ein Harvard-Absolvent.

Die Elite: Ein Harvard-Absolvent.

Der «Schweiz am Wochenende»-Chefredaktor Patrik Müller hält sich zurzeit für eine Weiterbildung in Boston auf. In seinem Mail aus Amerika schreibt er heute über die Studiumskosten, die Harvard-Studenten bezahlen müssen.

Diese Woche hat sich das Bild auf dem Harvard-Campus verändert, nicht nur weil die Studenten auf einmal T-Shirts und keine Winterjacken mehr tragen. Das Semester ist zu Ende gegangen, jetzt wird gepaukt für die Prüfungen im Mai. In der Kantine trifft man weniger Studenten an. Ein älterer Herr setzt sich an meinen Tisch. Den Salat essen wir schweigend, dann beginnt er zu erzählen. «Ich habe hier Jus studiert und 1967 abgeschlossen», sagt er.

Heute besuche er gelegentlich die Bibliothek: «Aus Neugier und Nostalgie.» Damals, erinnert er sich, hätten die Studiengebühren pro Jahr 1500 Dollar betragen, und nochmals 1500 Dollar seien für die Lebenshaltungskosten draufgegangen. «Mein dreijähriges Studium hat mich 9000 Dollar gekostet. Das habe ich dann in meinem ersten Job schnell wieder reingeholt.» Heute sei «crazy», was ein Studium koste: 300'000 Dollar (knapp 300'000 Franken).

Nachdem der Pensionär seinen Kaffee ausgetrunken hat, setze ich mich an einen Bar-Tisch zu einem jungen Mann, um die Information zu überprüfen. Es stellt sich heraus, dass er im letzten Sommer sein Jus-Studium begonnen hat. Bereitwillig erzählt er, was ihn das kostet: «Pro Jahr etwa 60'000 Dollar Tuition», also Studiengebühren, «und dazu etwa 30'000 Dollar sonstige Ausgaben zum Leben». Macht 90'000, für drei Jahre also 270'000.

Da lag der Pensionär nicht weit daneben. Mit der Offenheit ist es vorbei, als ich den Studenten frage, wie er sich das leisten könne. Er antwortet in allgemeiner Form: Etwa jeder Zweite hier würde von der Universität finanzielle Hilfe erhalten.

Harvard, gern als beste Universität der Welt bezeichnet, bemüht sich, mehr Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen aufzunehmen, und investiert dafür Millionen. Man will die Schlausten, nicht die Reichsten. Entsprechend sind die Aufnahmekriterien: Es zählt die Leistung – Noten und Tests –, nicht das Bankkonto der Eltern.

Doch das Problem beginnt meist früher: Bei der High School (vergleichbar mit Bez oder Sek in der Schweiz). Die besten High Schools sind privat und kosten durchschnittlich 30'000 Dollar im Jahr. Hier eine Top-Ausbildung genossen zu haben, hilft, die Leistungskriterien an Harvard und anderen Spitzenunis zu erfüllen. Die ungleichen Start-Chancen bleiben das grosse Problem des US-Bildungssystems.

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