Gemeinschaftswährung

20 Jahre Euro: Der Lackmustest folgt noch

Am 1. Januar 1999 wurde in zwölf EU-Staaten der Euro als neue Währung eingeführt. (Archivbild)

Am 1. Januar 1999 wurde in zwölf EU-Staaten der Euro als neue Währung eingeführt. (Archivbild)

In seinem Gastkommentar schreibt UBS-Chefökonom Daniel Kalt über 20 Jahre Euro.

Als am 1. Januar 1999 in zwölf EU-Staaten der Euro als neue Währung eingeführt wurde, rühmten Politiker das Projekt als wichtigen Schritt zur Vollendung der europäischen Einigung.

Schliesslich würden «Länder, die eine gemeinsame Währung haben, nie gegeneinander in den Krieg ziehen», argumentierte Deutschlands Kanzler Helmut Kohl, der zusammen mit Frankreichs Präsident François Mitterrand als Vater der Gemeinschaftswährung gilt. Doch trotz der vielen Vorschusslorbeeren wurde der Euro nicht überall mit Euphorie empfangen.

Unter Ökonomen war das Projekt von Beginn weg umstritten. Zu unterschiedlich seien die im Eurokorsett zusammengebundenen Volkswirtschaften. So prophezeite der amerikanische Nobelpreisträger Milton Friedman, dass bereits die erste schwere Rezession den Euro auseinanderreissen würde.

Und auch wenn Friedmans Vorhersage nicht eingetroffen ist, fällt zwei Jahrzehnte und eine Wirtschaftskrise später die Bilanz zum zwanzigjährigen Geburtstag der Einheitswährung zwiespältig aus.

Gemessen an seiner Verbreitung und seinem internationalen Gewicht, kann man den Euro durchaus als einen Erfolg bezeichnen. Der Gemeinschaftswährung sind nach 1999 neun weitere Länder beigetreten. Der Euro wird damit in einem Raum von 340 Millionen Menschen genutzt und ist mit einem Anteil von 36 Prozent aller Zahlungen weltweit die zweitwichtigste Währung hinter dem US-Dollar.

Unbestritten ist auch, dass die Schaffung des Euros zur Vertiefung und Entwicklung der Kapital- und Kreditmärkte in Europa beigetragen hat und die wirtschaftliche Integration Europas zumindest im ersten Jahrzehnt seines Bestehens weiter befördert hat.

Doch wie von vielen Ökonomen befürchtet, hat die schwere Rezession im Gefolge der Finanzkrise von 2008 schonungslos die Schwächen des Eurokonstrukts aufgezeigt und die Währungsunion in die Eurokrise und damit 2012 in eine zweite Rezession geführt. Haarscharf schrammte damals der Euro an dem von seinen Kritikern prophezeiten Zerfall vorbei.

Unterschätzt hatte man dabei offensichtlich, mit welcher Vehemenz und mit welch enormem Mitteleinsatz die Europäische Zentralbank (EZB) bereit sein würde, den wankenden Euro zu stützen. Als nach dem Drama um Griechenland Mitte 2012 die überschuldeten Euroschwergewichte Spanien und Italien den Zugang zum Kapitalmarkt zu verlieren und damit in den Staatsbankrott zu schlittern drohten, waren es EZB-Präsident Mario Draghis Worte, «alles zu tun um den Euro zusammenzuhalten» sowie das später lancierte, rund 2500 Milliarden Euro schwere Anleihenkaufprogramm, welches den Euro vor dem Kollaps rettete.

Seither muss zunehmend infrage gestellt werden, inwieweit der Euro tatsächlich zur Integration Europas beiträgt. Mit Blick auf die Einkommensentwicklung in den verschiedenen Ländern scheinen die Trends seit der Eurokrise eher auseinanderzulaufen.

Während die Kernländer im Norden anhaltend starkes Wirtschaftswachstum verzeichnen, liegt die Wirtschaftsleistung Griechenlands heute noch immer rund einen Viertel unter dem Niveau von 2007. Und in Italien liegen die real verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen kaum über dem Niveau von 1999.

Die Eurokrise hat gezeigt, dass der Versuch, strukturell sehr unterschiedliche Länder in ein Währungskorsett zu zwängen, das nicht über die notwendigen Umverteilungsmechanismen verfügt, letztlich mehr zentrifugale als integrative Kräfte freisetzt. Am offensichtlichsten manifestiert sich dies an den politischen Entwicklungen in Europa.

Das wirtschaftliche Auseinanderdriften und die durch die Euro-Spielregeln erzwungene Sparpolitik hat in Kombination mit der Flüchtlingskrise vielerorts populistische und nationalistisch orientierte Parteien an die Regierungsmacht gebracht. Die zuvor eingeleiteten und dringend notwendigen strukturellen Reformen werden von diesen gar zurückgedreht.

Und der EZB ist es bisher nicht gelungen, von ihrer ultraexpansiven Geldpolitik wegzukommen und sich durch eine Normalisierung der Zinsen zumindest einen minimalen Zinssenkungsspielraum für eine nächste Konjunkturabschwächung zu schaffen.

Der wahre Lackmustest für den Euro wird somit dann kommen, wenn die Weltwirtschaft in die nächste globale Rezession eintritt. Mit kaum vorhandener geld- wie auch fiskalpolitischer Munition im Köcher sowie nur auf die eigenen Interessen bedachten nationalistischen Regierungen an den Schalthebeln lässt dies wenig Gutes erahnen.

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