Zettel

Roman ohne Eigenschaften

Wenn ich auf meinem E-Book-Reader Kindle ein Buch lese, dann liest Amazon auch mit. Der Internet-Buchhändler weiss, welche Stellen ich markiert habe, und zeigt mir, ob andere Nutzer dieselben Stellen als wichtig erachten.

Amazon weiss aber auch, auf welcher Seite ich bei meiner Lektüre scheitere und das Buch weglege. Hören viele Leser auf derselben Seite mit dem Lesen auf, mag das dem Verlag und dem Autor als Feedback dienen. Es lässt sich dann der nächste Roman optimieren und von unnötigen Ausschweifungen befreien. Am Ende dieser literarischen Idealisierung stünde dann ein durchaus spannender Roman, der von allen Lesern zu Ende gelesen wird – aber gleichzeitig ohne wirkliche Eigenschaften bliebe.

Ein Autor, der etwas auf sich hält, sollte deshalb diese gebündelte Lesermeinung nicht allzu ernst nehmen. Einige der von Literaturwissenschaftern am häufigsten zitierten Werke würden wohl bei einer solchen Leseranalyse kläglich durchfallen.

So werden Millionen von euphorischen Lesern folgenden Satz gelesen haben: «Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Russland liegenden Maximum zu und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen.» Jede Wette jedoch, dass nur ein kleiner Bruchteil dieser Leserlegion auch die letzte Seite von Robert Musils «Der Mann ohne Eigenschaften» erreicht hat.

Kunst muss sich eben nicht der digitalen algorithmischen Analyse unterwerfen. Sie hat das Recht, uns auch einmal aufs Äusserste herauszufordern und – ja, auch das – zu langweilen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1