Am Anfang stand bloss ein Streit zweier betrunkener Russen über die jeweiligen Vorzüge von Poesie und Prosa: Die Diskussion der beiden Männer eskalierte so sehr, dass der Poetik-Verfechter den Prosa-Fan erstach. Schon im Herbst war in Russland ein Streit über den Philosophen Immanuel Kant ausgeartet: Einer der beiden alkoholisierten Streithähne schoss dem anderen in den Kopf. Das Opfer überlebte.

Verrückte, dem Alkohol verfallene Russen? Vielleicht. Aber die Berichte zeigen auch, wie emotional die Russen ihrer Kultur verbunden sind. Als ich vor knapp zwei Jahren in Petersburg den Tschaikowsky-Wettbewerb verfolgte, kam es beinahe zu einer Saalschlacht, als die Zuschauer des Gesangwettbewerbes erfuhren, dass ihre Favoritin nicht ins Halbfinale einziehen würde.

Nicht nur in Russland, auch in Italien ist das Publikum bereit, über Kunst zu streiten. An der Mailänder Scala kommt es immer wieder zu wilden, die Oper auch mal unterbrechenden Diskussionen zwischen den Kulturhitzköpfen. Zuletzt beschimpfte man sich am 7. Dezember 2013 über die Logen hinweg. Als 21 Jahre vorher, am 7. Dezember 1992, gewisse «Loggionisti» den Tenor Luciano Pavarotti und den Dirigenten Riccardo Muti ausbuhten, kam ein anderer Teil des Stehplatzpublikums deswegen so in Rage, dass man aufeinander losging. Ruhe kehrte erst ein, als die Polizei in der Galerie aufmarschierte.

Diese Vorfälle sind erschreckend, zugegeben. Aber sie sind auch grossartig. Russen und Italiener liefern den Beweis, dass sich das lebendige Kulturgeschehen nicht in jenem Mainstream bewegt, den viele Medien mit Blick auf die Einschaltquoten täglich feiern. Diese Kulturfreunde zeigen, dass fern des Pop(ulären) das Blut wirklich kochen kann.

P.S. Bei der Diskussion über Kant, Pavarotti oder die Poesie plädieren wir für die Kraft des Wortes anstatt der Fäuste.