Ich kann die Aufregung über all die Enthüllungen zum Thema Datenklau nicht ganz verstehen. Um über meine Mitmenschen mehr zu erfahren, muss ich mich nicht in irgendwelche PC-Accounts hacken. Ich stelle mich einfach an eine Kasse beim Grossverteiler. Was da an persönlichen Daten übers Rollband läuft, genügt mir völlig, um zu wissen, dass der attraktive Mittvierziger vor mir sehr hygienebewusst ist, italienische Weine und gesunde Nahrung bevorzugt, sowie ein aktives Sexleben hat.

Im Bus oder Zug erfahre ich aus den Dialogen der Mitreisenden das detaillierte Ausgehprogramm samt den aktuellsten zwischenmenschlichen Verknüpfungen. Wenn ich an einem Sommerabend auf der Terrasse sitze, bekomme ich hautnah mit, wie die Nachbarn in Krisensituationen miteinander umgehen. Etwa in Notsituationen beim Grillieren oder bei Anwender-Komplikationen beim Brettspiel.

Noch eine Spur tiefer kann ich in die Intimsphäre meiner Mitmenschen eintauchen, wenn die monatliche Zeitungssammlung ansteht. Ein leichtes Spiel, vorab, wenn die Pakete schlecht geschnürt sind und sich ihr Inhalt unfreiwillig offenbart. Erotische und sonstige Vorlieben werden da ebenso sichtbar wie die Zahlungsmoral und Kreditfähigkeit.

Und wenn wir schon am Strassenrand stehen: Der perfekte digitale Fingerprint ist ja eigentlich der Kehrichtsack. Besonders wenn die Stadtfüchse am Werk waren. Dass sich diese in den letzten Jahren auffällig oft unserem Kehricht widmen, ist vielleicht gar kein
Zufall. Wohlmöglich handeln die Rotpelze ja im Auftrag des Geheimdienstes.

silvia.schaub@azmedien.ch