Mit Sicherheit war es der spektakulärste seit langem. Die ganze Welt fragt, warum Blatter zuerst mit voller Kraft für seine Wiederwahl kämpft, triumphierend den Sieg feiert – und vier Tage später den Bettel hinschmeisst. Viele Fragen bleiben unbeantwortet:

  • Geht Blatter wirklich freiwillig, weil er das tun will, «was für die Fifa und den Fussball am besten ist», wie er in seiner Abschiedsrede sagte? Oder geht er, weil er sonst zum Rücktritt gezwungen würde? Weil er weiss, dass das FBI eben doch etwas gegen ihn in der Hand hat?

  • Ist er jetzt am Boden zerstört, weil die Fifa sein Leben war? Oder ist er «erleichtert und hat seinen Frieden gefunden», wie seine Tochter sagt?

  • Wird er die Kraft haben, doch noch Reformen durchzuführen, weil er nicht mehr gewählt werden muss und unabhängig ist? Oder kann er nichts mehr bewirken, weil er als Abtretender seinen Einfluss verliert?

Die US-Justiz hat mehr Macht als alle anderen

Wie dem auch sei – eindrücklich und erschreckend am Vorgang ist einmal mehr die Übermacht der US-Justiz, die die Schweiz auch schon zu spüren bekam, etwa in der Diskussion um Holocaust-Gelder in den 1990er-Jahren und aktuell im Bankenstreit. Jahrzehntelang moderten das Thema Fifa und die Korruption dahin, ohne dass sich allzu viel tat. Dann fegt die US-Justiz wie ein Tornado hindurch – und kein Stein bleibt auf dem andern.

Weltweit fielen die Reaktionen auf Blatters Rücktritt mehrheitlich positiv aus. Und doch wird sich Blatters Vermächtnis erst langfristig zeigen: Bleibt von ihm das korrupte System in Erinnerung oder die Demokratisierung des Fussballs? Nimmt das Image der Schweiz durch den Skandal Schaden oder werden wir uns noch wünschen, wir hätten einen Landsmann in einer derart wichtigen Position? Und vor allem: Wird nach Blatter wirklich alles besser?

Jeder bestimmt selber, wann er gehen will

Der Fall Blatter ist auch deshalb so aussergewöhnlich, weil die Schweiz keine Kultur des erzwungenen Rücktritts kennt. Hier kann in höchsten Positionen jeder selber bestimmen, wann er gehen will: Die Abwahl eines Bundesrats gilt als historisches Ereignis – siehe Christoph Blocher. Ein Regierungsrat muss eine gröbere Sache vermasseln – siehe Martin Graf und der Fall Carlos in Zürich.

Das Schweizer System hat viele Vorteile. Führungskräfte können unangenehme Dinge entscheiden und auch mal einen Fehler begehen. Unter dem Strich führt das zu besseren Resultaten, als wenn ständig Köpfe rollen, ohne dass bessere nachfolgen. Wer jedoch selber über seinen Rücktritt bestimmen kann, trägt die Verantwortung für den richtigen Zeitpunkt.

Marco Streller zum Beispiel, Captain beim FC Basel, geht auf dem Höhepunkt seiner Karriere; alle sind traurig und finden, er hätte weitermachen sollen. Ähnlich die Situation beim Konzernchef von Shell, dem Schweizer Peter Voser: Er ging ohne Not, weil er Lust hatte auf etwas Neues. Bei Bundesrat Moritz Leuenberger hingegen redeten nach 15 Jahren alle nur noch darüber, wann er endlich geht.

Das Versagen beim Rücktritt hat auch damit zu tun, dass viele Entscheidungsträger sich zu wichtig nehmen. Sie meinen, ohne sie krache alles zusammen. Der damalige UBS-Präsident Marcel Ospel sah sich in der Existenzkrise seiner Bank als «Teil der Lösung», als er längst das grösste aller Probleme war.

Auch Sepp Blatter war bis Anfang Woche überzeugt, er sei nach wie vor der richtige Mann an der Spitze der Fifa. Vor zwei Jahren sagte er dieser Zeitung: «Ich glaube, ich werde schon spüren, wann der richtige Zeitpunkt für den Rücktritt wäre. Nicht, dass man mich mit einem Fusstritt verabschieden muss.» Vielleicht hat er sich am Dienstag an diese Worte erinnert.