Wochenkommentar

Wir Perfektionisten! Die Schweizer Eigenart, alles furchtbar genau zu nehmen

Christian Dorer
Kundenberater der SBB zeigen den Pendlern, wo sie hinmüssen. Insgesamt sind am Hauptbahnhof 25 von ihnen im Einsatz.

Kundenberater der SBB zeigen den Pendlern, wo sie hinmüssen. Insgesamt sind am Hauptbahnhof 25 von ihnen im Einsatz.

Vergangenen Sonntag fand der grösste Fahrplanwechsel seit elf Jahren statt. Alleine in der Deutschschweiz erschienen dazu 376 Zeitungsartikel. Über den Schweizer Perfektionismus, der die Kosten in die Höhe treibt.

Die Session ist beendet, der neue Bundesrat gewählt, ein wegweisender Entscheid zur Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative gefällt. Diese Woche aber dominierte ein anderes Thema: der Fahrplanwechsel.

376 Zeitungsartikel sind allein in der Deutschschweiz dazu erschienen (einige davon auch in dieser Zeitung), Tausende Online-Kommentare bereichern das World Wide Web, kaum eine Zugfahrt, auf der man nicht Diskussionsfetzen dazu aufschnappt.

Am Sonntag fand der grösste Fahrplanwechsel seit elf Jahren statt. Er brachte bahnbrechende Veränderungen: Gewisse Züge fahren doch jetzt tatsächlich eine Minute früher ab als bisher. Oder eine Minute später.

Andere legen einen zusätzlichen Halt ein oder verkehren über andere Strecken. In Zürich HB fahren auch Intercitys im unterirdischen Bahnhof ab, weshalb man von Bern nach St. Gallen 18 Minuten weniger braucht. 350 Kundenbetreuer standen Anfang Woche im Einsatz, damit sich die Passagiere in dieser revolutionierten Bahnwelt zurechtfanden.

Trotzdem gibt es zum Teil heftige Reaktionen: Etwa die, dass in den Intercitys von Zürich in die Ostschweiz die 1. Klasse neu am Anfang statt am Ende des Zuges eingereiht ist – was manchen Pendler aus dem Tritt brachte. Oder dass Verbindung X neu mit einem Neigezug statt mit einem Doppelstöcker geführt wird.

Das Brimborium um den Fahrplanwechsel zeigt zwei Dinge. Erstens: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Zweitens: Wir Schweizer sind Perfektionisten – wenn nicht gar Pedanten oder Musterschüler. Weitere Beispiele gefällig?

Diese Woche winkte der Nationalrat einen Kredit über 560 Millionen Franken durch, mit dem die Armee 2200 Duro-Geländefahrzeuge erneuern wird: Vor rund 15 Jahren zahlte sie 140'000 Franken pro Fahrzeug – jetzt kostet die Revision sage und schreibe 250'000 Franken! Und das für einen zwar geländetauglichen, aber sonst ganz normalen Mannschaftstransporter für 20 Soldaten. Keine andere beste Armee der Welt würde so viel Geld in alte Fahrzeuge stecken – und erst recht kein privates Unternehmen.

Die Stadt Baden hat beim Bahnhof eine Velostation eröffnet, im Volksmund «Luxusresort» oder «teuerster Veloständer der Schweiz» genannt. 830'000 Franken für 177 Plätze – macht 4700 Franken pro Veloplatz. Dummerweise bleibt die Station fast leer, die Leute stellen ihre Velos lieber auf dem Gratisplatz gegenüber ab.

Perfektionsismus treibt die Kosten in die Höhe

Projekte des Staats werden in der Schweiz sehr oft sehr teuer. Die Sanierung des Gotthard-Strassentunnels ist mit 750 Millionen Franken veranschlagt, die vergleichbare Sanierung des fast gleich langen Arlberg-Tunnels in Österreich kostet bloss 260 Millionen. Selbst ein profaner Kreisel schlägt gern mit einem Betrag zu Buche, für den der Normalbürger ein Einfamilienhaus kauft.

Und bei Schulhäusern reibt man sich bisweilen die Augen: Das teuerste Schulhaus in Zürich kostete 90 Millionen Franken (für 440 Kinder). Derweil macht die Stadt Bern derzeit Schlagzeilen mit absurden Ausgaben für Verkehrsberuhigung: Für vier Poller zahlt sie 560'000 Franken, der Unterhalt verschlingt jährlich weitere 40'000!

Zu oft muss es das Beste, Schönste, Teuerste sein. Der verstorbene Unternehmer und FDP-Nationalrat Otto Ineichen stellte in seinem Buch «Was läuft schief?» zu Recht fest: «Perfektionismus behindert uns!» Die Schweiz sei zu perfekt. Sie habe selber zu viele Vorschriften und versuche darüber hinaus, EU-konform zu sein und EU-Normen musterschülerhaft umzusetzen, während es die EU selber oft gar nicht so genau nehme.

Appell an das neue Parlament: Baut Vorschriften ab!

Die Gesetzesflut verstärkt den Perfektionismus – und treibt Kosten in die Höhe, weil jede Vorschrift Massnahmen zur Folge hat. In der amtlichen Sammlung des Bundesrechts kommen jedes Jahr fast 7000 Seiten an neuen Gesetzen, Verordnungen und Bundesbeschlüssen hinzu, wie Avenir Suisse feststellt. Ab 1. Januar 2016 gelten 213 neue Gesetze und Verordnungen, wie der «Beobachter» recherchiert hat. Und in der vergangenen Legislatur haben die National- und Ständeräte total rund 6000 Vorstösse eingereicht.

Es bräuchte einen Vorstoss, der die Anzahl Vorstösse begrenzt. Vielleicht reicht auch ein guter Vorsatz des neuen Parlaments für das kommende Jahr: dass es nicht ständig alles staatlich reguliert; und dass es mindestens ebenso viele Vorschriften abschafft, wie es beschliesst.

Autor

Christian Dorer

Christian Dorer

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