Wochenkommentar

VW hat sogar Hitler überlebt

Christian Dorer
Ex-VW-Chef Martin Winterkorn vor einem VW-Käfer. (Archiv)

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn vor einem VW-Käfer. (Archiv)

az-Chefredaktor Christian Dorer zieht im Wochenkommentar über den VW-Skandal, der weltweit über 11 Millionen Autos betrifft, Vergleiche zur Causa UBS. Und kennt einen Grund, warum VW die Krise trotzdem überlebt.

Vor bald 400 Jahren hatte sich der schwedische König Gustav II. in den Kopf gesetzt, das stärkste Kriegsschiff der Welt zu bauen. Deshalb verlangte er ein zusätzliches Kanonendeck.

Allen Beteiligten war klar, dass das Schiff damit nicht mehr seetauglich sein würde. Doch niemand getraute sich, das dem König mitzuteilen. Am 10. August 1628 stach die «Vasa» in Stockholm in See, geriet in Schräglage und versank noch in der Hafenbucht.

Seither bedeutet «Vasa-Syndrom», wenn eine unangenehme Wahrheit zwar allen bekannt ist, sich jedoch niemand getraut, sie dem Chef zu überbringen. Offenbar war auch der VW-Konzern von diesem Syndrom befallen.

Der nun zurückgetretene Konzernchef Martin Winterkorn habe wie ein Diktator geführt – «Nordkorea minus Arbeitslager», wurde ihm nachgesagt. Winterkorn setzte überehrgeizige Ziele, bis 2018 wollte er Toyota als weltweite Nummer 1 überholen. Auf diesem Weg duldete Winterkorn keinen Widerspruch.

Der angeblich saubere, leistungsfähige und sparsame Dieselmotor war für VW ein wichtiger Treiber auf dem Weg ganz an die Spitze. Jetzt reibt sich die Weltöffentlichkeit die Augen: Alles Lug und Trug!

Die Software merkt, wenn sich das Fahrzeug auf dem Prüfstand befindet – zum Beispiel daran, dass zwei Räder drehen und zwei stehen. Dann drosselt die Software die Leistung des Motors, was zu tiefen Abgaswerten führt.

Auf der Strasse sind diese dann 10- bis 20-mal höher als in den Tests. Mindestens 11 Millionen Autos sind betroffen, davon knapp 130 000 in der Schweiz – und man fragt sich: Wie können das 40 000 VW-Entwickler nicht merken? Wie kann der oberste Chef Winterkorn – Ingenieur und Kontrollfreak – von nichts wissen? Weder das eine noch das andere ist plausibel.

VW ist jetzt die UBS Deutschlands

Und so hat nun auch Deutschland seinen Fall UBS. Die Grossbank war bis zur Finanzkrise 2008 ein Aushängeschild für die Schweiz. Man war stolz, die Chefs wurden als Stars ihrer Zunft gefeiert, das Geld sprudelte, die Bank war so wichtig, dass die Schweiz sie nicht untergehen lassen konnte («too big to fail»).

VW war bis vor zwei Wochen das Vorzeigeunternehmen Deutschlands, weltweit 600 000 Angestellte, grösster Konzern des Landes, Inbegriff von Qualität und «Made in Germany».

Und auch VW ist für Deutschland too big to fail, zu viel hängt daran: Reputation, Arbeitsplätze, politische Verstrickungen. Da stellt sich die Frage: Ist die Marke VW tot? Oder verebbt der Skandal schneller als gedacht – genau so, wie sich die UBS wieder erholte?

Für eine längere Leidensgeschichte spricht die Dimension des Skandals. Klar, riesige Rückrufaktionen gab es immer wieder, weltweit Schlagzeilen damit machte etwa Toyota. Die Konsumenten verzeihen Fehler.

Bei VW jedoch wurde bewusst betrogen, und man kann das Übel – wie im Fall UBS – nicht auf ein paar einzelne gierige Manager abschieben. Bei VW war es offenbar Teil der Unternehmenskultur, auch die mittlere Hierarchiestufe muss involviert gewesen sein – wer alles, wird wohl in den kommenden Monaten tröpfchenweise auskommen.

Dazu kommen die nicht absehbaren finanziellen Folgen: Wer wird alles klagen? Autobesitzer, die betrogen wurden; Behörden, denen wegen der angeblich sauberen Motoren Fahrzeugsteuereinnahmen entgingen; Asthmatiker, die mehr Partikel einatmen. Punkto Klagen sind die USA wirklich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

VW stand schon mal am Abgrund

VW hat dann eine Chance, wenn die neue Führung offen informiert und mit den Schandtaten ihrer Vorgänger aufräumt – so, wie das auch die UBS getan hat. Nur sieben Jahre nach ihrem Waterloo ist sie gut aufgestellt und hat ihren imagemässigen Totalschaden einigermassen repariert.

Vielleicht kommt ja auch eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Abgas-Grenzwerten auf und ob diese überhaupt realistisch sind. Nicht ausgeschlossen, dass ähnliche Fälle bei anderen Herstellern auftauchen.

Dann würde die Affäre an die Zeiten erinnern, als Doping im Velosport plötzlich publik wurde und man feststellen musste: Fast alle machten es, fast alle wussten davon - und niemand hatte ein Interesse, allzu genau hinzusehen.

Das Auto ist für seinen Besitzer mehr als alle anderen Produkte eine emotionale Sache. Das spricht dafür, dass VW die Krise überwinden kann. Seine Autos gehören zu den besten der Welt – und daran ändert auch der Skandal nichts. Denn deren Besitzer wurden zwar betrogen, aber nicht gefährdet.

Der «Spiegel» setzte diese Woche zum Thema VW nur zwei Worte auf die Titelseite: «Der Selbstmord.» Vielleicht kommt schon bald die Auferstehung. Es wäre nicht die erste.

VW wurde in Hitler-Deutschland gegründet, Adolf Hitler präsentierte 1939 den ersten VW Käfer. Trotz dieses abscheulichen Taufpaten wurde der Käfer rund um den Globus das mit Abstand erfolgreichste Modell der Nachkriegsgeschichte.

Wenn VW Hitler überlebt hat, wird es auch den Betrugsskandal überleben.

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Christian Dorer

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