Fifa-Skandal

Schmachvolles Ende für Sepp Blatter – und ein Triumph

Fifa-Präsident Sepp Blatter ist vom ihm geschaffenen Ethik-Gremium für drei Monate suspendiert worden. Er ist in die für Machtmenschen gefährlichsten drei Fallen getappt.

«Ich glaube, ich werde schon spüren, wann der richtige Zepunkt für den Rücktritt wäre.» Das sagte mir Sepp Blatter in einem Interview vor exakt zwei Jahren. Damals begann er damit zu kokettieren, entgegen früheren Aussagen für eine fünfte Amtszeit zu kandidieren – «weil ich sonst nichts zu tun habe», wie er aus tiefem Herzen heraus sagte.

Heute wissen wir: Sepp Blatter hat den richtigen Zeitpunkt nicht gespürt. Am Donnerstag suspendierte ihn die Ethik-Kommission der Fifa. Blatter musste sein geliebtes Büro räumen, das er gern als «meine Stube» bezeichnete und wo er sogar seine Sonntage verbrachte, wenn er nicht um die Welt jettete. Blatter hat nun Haus- und Stadionverbot. Er darf sich nicht mehr öffentlich als Fifa-Präsident äussern. Und er wird sich wundern, wie schnell sich die Mächtigen dieser Welt, die er bisher als seine Freunde präsentierte, abwenden werden, wenn er selber keine Macht mehr hat.

Ein demütigender Abgang! Und doch hat er keine allzu grossen Wellen mehr geworfen. Dass Sepp Blatters Zeit abgelaufen ist, zeichnete sich seit Monaten ab. Am 26. Februar 2016 wird ein neuer Fifa-Präsident gewählt, und ob Blatter sofort geht, ganz geht, nochmals zurückkommt oder auch nicht: Es spielt keine Rolle mehr. Das Kapitel Blatter ist abgeschlossen. Es gäbe eine eindrückliche Liste seiner Verdienste für den Fussball, insbesondere in Entwicklungsländern. Doch diese stehen höchstens in einer Fussnote. In Erinnerung wird Blatter bleiben als allmächtiger Präsident, unter dem die Fifa zur korrupten Milliardenmaschine wurde und der am Ende tief fiel.

Die drei gefährlichsten Fallen für Machtmenschen

Blatter ist in drei Fallen getappt, die das Leben für Machtmenschen bereithält:

Er hielt sich für unantastbar. Wer zu lange von allen hofiert wird, wähnt sich irgendwann unverletzlich – ein Irrtum, wie wenn ein Diktator am Ende an die eigene Propaganda glaubt.

Er hielt sich für unersetzlich. Wer zu lange alleine bestimmt, meint, dass ohne ihn alles zusammenkrachen würde. Und er sieht sich in der Krise noch dann als Teil der Lösung, wenn er längst Teil des Problems geworden ist.

Er hat den Abgang verpasst. Wer zu lange zu viel Macht hat, wird irgendwann süchtig danach und kann nicht mehr loslassen. Wäre Blatter im Mai nach vier Amtsperioden zurückgetreten: Das Kapitel Sepp Blatter wäre anders geschrieben worden.

Das Bedürfnis nach Brot und Spielen liegt in der Natur des Menschen – und was gibt es da Spektakuläreres, als wenn ein ganz Mächtiger tief fällt? Viele laben sich jetzt an Blatters Schicksal und sehen sein Aus als Schritt in Richtung eines korruptionsfreien Fussballs. Und gerade wir Schweizer sind Weltmeister darin, uns als Oberhüter der weltweiten Moral aufzuspielen. Doch freuen wir uns nicht zu früh: Die Fifa besteht aus 209 Landesverbänden. Viele verstehen nicht, was da gerade abläuft. Denn bei ihnen gehört Korruption so selbstverständlich zum System wie bei uns vierteljährliche Volksabstimmungen.

Jetzt übernimmt also vorübergehend der Kameruner Issa Hayatou das Fifa-Präsidium. Er sitzt seit 25 Jahren im Exekutivkomitee und war immer mal wieder Ziel von – bislang nicht bewiesenen – Korruptionsvorwürfen. Zudem ist er schwer krank. Kein Zeichen von Aufbruch. Abgesehen davon stellt sich die Frage, warum die Fifa gerade jetzt implodiert, schliesslich modern die Korruptionsvorwürfe seit Jahren. Liegt es an der US-Justiz, die alles plattwalzt, wenn sie sich in Bewegung setzt?

Haben die USA jetzt gemerkt, dass hier viel Geld zu holen ist? Oder hat es damit zu tun, dass Blatter dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nahesteht und anderen Herrschern, die neuerdings im Konflikt stehen mit den USA?

Blatter riss seinen Rivalen mit in den Abgrund

Wie dem auch sei: Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass Blatter ausgerechnet von derjenigen Ethikkommission entfernt wurde, die er selber ins Leben gerufen hatte. Nicht überliefert ist bis dato, ob er mehr mit seinem unwürdigen Abgang hadert – oder den Triumph feiert, den er gleichzeitig eingefahren hat: Es ist ihm gelungen, seinen Intimfeind, Uefa-Präsident Michel Platini, mit in den Abgrund zu reissen. Wäre Blatter im Mai nicht mehr angetreten, hätte er zwar einen würdigen Abgang gehabt. Platini jedoch wäre dann ziemlich sicher sein Nachfolger geworden.

Zufall? Wohl eher: ein Machtmensch bis zum bitteren Ende.

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